Im Zentrum die Musik

Maria João Pires und Lilit Grigoryan beim Gezeitenkonzert in der Neuen Kirche Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Maria João Pires und Lilit Grigoryan beim Gezeitenkonzert in der Neuen Kirche Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Es ist die Musik, nicht der Interpret, der im Vordergrund stehen soll. Das klingt ein wenig idealistisch, aber auch sehr bescheiden, denn erst der Interpret kann doch die Musik zum Leben erwecken. Es geht also um die Musik, die es zu verstehen, zu präsentieren, zu leben gilt. Maria João Pires (71), eine der berühmtesten Pianistinnen unseres kleinen Planeten, stellt sich in den Dienst der Musik. Und damit gegen alles und jeden, der Musik zweckentfremden, vermarkten oder zur Selbstinszenierung nutzen will. Mit der Musikindustrie will sie nichts mehr zu tun haben. Der sicherlich hochdotierte Plattenvertrag ist gekündigt, die Konzerte werden seltener, doch die Begeisterung und die Demut vor der Großartigsten aller Künste ist geblieben. Der Besuch des Gezeitenkonzertes in der Neuen Kirche Emden mit Lilit Grigoryan und Maria João Pires war daher ein Pflichttermin. Weiterlesen

Sunday, sweet Sunday

Münchener Kammerorchester unter Daniel Giglberger mit Matthias Kirschnereit, Foto: Karlheinz Krämer

Münchener Kammerorchester unter Daniel Giglberger mit Matthias Kirschnereit, Foto: Karlheinz Krämer

Während man noch in der Emder Johannes a Lasco Bibliothek seinen Platz sucht, erklingt von allen Seiten Musik. Das Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Konzertmeister Daniel Giglberger wartet bereits an der Seite auf den Startschuss und stimmt die Instrumente. Klassisch modern geht es los: Sándor Verres’ „Vier transsylvanische Tänze“ (1944) basieren zwar auf ungarischen Volksliedern, lösen sich aber davon und finden eine eigene Sprache.
Max RegersLyrisches Andante“ wird vom Kammerorchester sanft ausgebreitet. Ein Traum, der zeigt, dass das Ensemble eines der profiliertesten in Deutschland ist und dass in der Bibliothek ein Orchester immer noch die Beste aller Besetzungen ist. Weiterlesen

Vier Gitarren, unendliche Klänge

Aleph Gitarrenquartett, Foto: Karlheinz Krämer

Aleph Gitarrenquartett, Foto: Karlheinz Krämer

Wir umgeben uns gerne mit Personen, Sachen und Traditionen, die wir kennen. Das Neue ist oft anders, ungewohnt, fremd. Und dann kommt es auch noch so großgeschrieben daher: „Neue Musik“. Manche fröstelt es da schon. Brr, das kapier ich eh nicht. Bin zu dumm, zu nervös, wo ist mein Mozart, wo sind meine Beatles?! Politisch und gesellschaftlich müssen wir in diesen Tagen unsere Stärke beweisen, dass wir Neuen und Anderen aufgeschlossen, tolerant, hilfsbereit begegnen. Ist der Alltag also nicht schwer genug, warum sich abends im Konzert anstrengen für neue Töne und Klänge? Viele suchen oft das beseelte Glück, das wir nach einem Beethoven empfinden, auch bei der zeitgenössischen Musik und sind oft enttäuscht. Avantgarde ist nicht leicht, kann uns aber verändern. Unser Hören ist kulturell determiniert. Was schön, schräg oder unzumutbar ist, lässt sich nicht in objektiven und absoluten Parametern festhalten. Und sicher: Nur weil ich einen Stein auf den Boden werfe und das „Gravitas opus 1“ nenne, ist das noch nicht Avantgarde und hat großen Wert. Neue Musik darf und muss sich kritischen Ohren aussetzen. Ohne Neue Musik wäre nur Vergangenheit. Wer am Sonnabend in Hesel war, konnte sich davon überzeugen: Ja, es kann erschöpfend sein, ungewohnt, schwierig, unverständlich, aber doch immer spannend, fordernd, verändernd. Weiterlesen

Im stillen Norden der Welt

Albrecht Mayer und Markus Becker in der Kirche zu Remels

v.l.n.r.: Landschaftspräsident Rico Mecklenburg, 1. Vorsitzende Beate Friemann, Ehrenmitglied Barbara Oles und das 300. Mitglied Gabriele Girlich

v.l.n.r.: Landschaftspräsident Rico Mecklenburg, 1. Vorsitzende Beate Friemann, Ehrenmitglied Barbara Oles und das 300. Mitglied Gabriele Girlich

Es beginnt mit einem Dankeschön. Am Dienstagabend gehört die Bühne zunächst dem Freundeskreis der Gezeitenkonzerte, der öffentlichkeitswirksam und feierlich sein 300. Mitglied begrüßt. Gabriele Girlich darf sich nun zu den Festivalförderern zählen und die vielen Vorteile des Freundeskreises genießen. Viele Konzerte würden ohne den Freundeskreis nicht stattfinden und so ist es fast selbstverständlich, die Gründerin und ehemalige Vorsitzende Barbara Oles in der St.-Martinskirche Remels als Ehrenmitglied zu begrüßen. Sichtlich überrascht nimmt sie die Ehrung von Beate Friemann, der aktuellen ersten Vorsitzenden, entgegen. Aus ihrer Idee ist ein langfristiger Erfolg und mittlerweile über 300 köpfiger Verein geworden, der die Gezeitenkonzerte nicht nur finanziell prägt, sondern ihre Identität entscheidend prägt. Achten Sie beim nächsten Mal darauf, wie viele Besucher kleine gelbe Schildchen an der Jacke tragen. Sie lassen sich gerne ansprechen! Weiterlesen

Sokolov in Leer

Sokolov in Leer.

Grigory Sokolov beim Gezeitenkonzert in Leer, Foto: Karlheinz Krämer

Grigory Sokolov beim Gezeitenkonzert in Leer, Foto: Karlheinz Krämer

Machen Sie ruhig eine Pause. Gehen Sie durchs Haus, schlagen die Lokalzeitung auf, trinken Sie einen Tee und lassen diesen Satz noch einmal nachwirken.

Sokolov in Leer. Darauf haben wir seit zwei Jahren gewartet. Damals kündigte Matthias Kirschnereit diese haarsträubende Idee an, einen der besten Pianisten der Welt zu den Gezeitenkonzerten einzuladen. Im letzten Jahr kamen Termine dazwischen, jetzt hat es endlich geklappt.

Sokolov in Leer. Das heißt: ausverkauftes Theater an der Blinke mit 735 Gästen. Wer an diesem Freitag an großer Kunst und klassischer Musik interessiert ist, hat in Leer zu sein. Alles andere ist Blasphemie und nicht ernst zu nehmen. Weiterlesen

Elf Spieler sollt ihr sein

Wassily Gerassimez (Cello) und Hanni Liang (Klavier) - im Hintergrund: Elisabeth Brauß, die für die Kollegin spontan die Noten wendet; Foto: Karlheinz Krämer

Wassily Gerassimez (Cello) und Hanni Liang (Klavier) – im Hintergrund: Elisabeth Brauß, die für die Kollegin spontan die Noten wendet; Foto: Karlheinz Krämer

Ein halbe Note besteht aus zwei Viertelnoten. Zwei Herzschlägen. Seit dem durchschlagenden Erfolg der ersten Langen Nacht der Gipfelstürmer schlägt auch dieses Format zweimal aufeinander in Aurich die Saiten an. Teilte man sich letztes Jahr noch die Konzertorte auf (Hotel am Schloss und Ostfriesische Landschaft), war man jetzt nur in die Landschaft gegangen. Zweimal ausverkauftes Haus am Freitag und Sonnabend. Für das Team sicherlich eine entspanntere Situation, muss man doch nur einmal auf- und abbauen.

Das Konzept ist schnell erzählt. Zwei Handvoll junge, hochmotivierte, und ebenso talentierte Musiker kommen als Gipfelstürmer zu den Gezeitenkonzerten und spielen in unterschiedlichen Konstellationen ein Wandelkonzert. Publikum und Künstler wechseln die Räume und sind die ersten beiden Teile noch ein klassisches Pflichtprogramm, entscheiden die Musiker im dritten Teil spontan, wer die Bühne betritt. Weiterlesen

Der Junge mit dem Mozart Poster

Wolfgang Amadeus Mozart, Detail aus einem Gemälde von Johann Nepomuk della Croce (ca. 1781)

Wolfgang Amadeus Mozart, Detail aus einem Gemälde von Johann Nepomuk della Croce (ca. 1781)

War es die kleine Nachtmusik? War es die Jupitersinfonie? Es lässt sich nicht mehr genau sagen, wie sie anfing, die Verehrung für Wolfgang Amadeus Mozart. Vielleicht waren es einfach diese Melodien aus den frühen Salzburger Sinfonien der Kinderzeit, die jeden Abend aus dem CD-Player strahlten, bis sich die CD im Leerlauf befand und der Elfjährige eingeschlafen war. Mozart zum Einschlummern. Nicht Shakira, nicht die Ärzte, nein, es war Wolfang Amadeus, der es sich für einige Zeit als Star im Kinderzimmer gemütlich machte. Als ständig wachsende CD-Sammlung. Als Poster an der Wand über dem E-Piano, auf dem brav das Notenbüchlein für Nannerl studiert wurde.

Es dauerte eine Weile, aber irgendwann bekamen die Mitschüler von dieser merkwürdigen Beziehung Wind. Trotz großer Skepsis (wer kaufte sich denn vom Taschengeld die Haffner-Sinfonie, bitteschön?) und heimlichem Spott schenkten die Freunde ihm zum Geburtstag sogar eine Mozart-Lern-Software. Einmal die Reise nach Prag und zurück, inklusive Audiodateien zum Anklicken. Pädagogisch wertvolle Geschenke von Elfjährigen für Elfjährige. Auf die Idee waren wohl die Eltern gekommen. Dem nächsten Mitschüler schenkte man dann immerhin Kinokarten für „Ali G In da House“. So war das kulturelle Gleichgewicht wieder hergestellt. Weiterlesen

Die letzten Tage

Teil I – Die Flamme des Festivals

v.l.n.r.: Dirk Lübben (organisatorischer Leiter, Ostfriesische Landschaft), Prof. Matthias Kirschnereit (künstlerischer Leiter Gezeitenkonzerte), Helmut Collmann (Landschaftspräsident) und Dr. Rolf Bärenfänger (Landschaftsdirektor)

v.l.n.r.: Dirk Lübben (organisatorischer Leiter, Ostfriesische Landschaft), Prof. Matthias Kirschnereit (künstlerischer Leiter Gezeitenkonzerte), Helmut Collmann (Landschaftspräsident) und Dr. Rolf Bärenfänger (Landschaftsdirektor)

Nach vier intensiven Konzerttagen, die selten vor halb eins nachts endeten, einer entspannten zweistündigen Pressekonferenz am Montagvormittag, sowie Mittagessen und Picknick mit dem Gezeiten-Team, können wir jetzt endlich ein bisschen zurückblicken und aufarbeiten. Offen sind zum Beispiel noch die Berichte der Gezeitenkonzerte in Dunum und Leer, die wir gerne im Blog verewigen möchten. Überhaupt freuen Wibke und ich uns, dass der Gezeitenblog in diesem Jahr wieder gut angenommen wurde. Klickzahlen sind und dürfen kein Maßstab für Qualität sein, aber ein bisschen stolz sind wir schon, dass der Blog bis zu 403 mal am Tag aufgerufen wurde (knapp 10.000 Aufrufe während des Festivalzeitraums). Es ist eine schöne Plattform, um die vielen Konzerte und Geschichten hinter der Bühne schreibend zu begleiten. Und wie überall, hat man dabei kreative und weniger inspirierte Tage, weil zum Beispiel vormittags schnell ein Text produziert werden musste und nachmittags schon die Fahrt zum nächsten Konzert los ging. So ist dieser Blog während des Festivals eine wunderbare Spielwiese für feuilletonistische Kleinformate und ein Ventil, um die eigene Begeisterung über die Musik, die Künstler und die Atmosphäre in sprachliche Form zu gießen. Auch wenn wir hier natürlich nicht die eigenen Veranstaltungen verreißen würden (dafür gibt es die unabhängige Presse), sollte doch ein Maß an Selbstkritik und Ehrlichkeit gewährt werden. Wenn ich an das kontroverse Eröffnungskonzert denke, haben wir das auch eingehalten.

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Gezeitenkonzerte 2015 mit hochkarätigem Blödsinn

Nach dem Festival ist vor dem Festival. Weil das Team bis zu 72 Stunden am Tag arbeitet, können wir jetzt schon einige der absoluten Highlights für das Jahr 2015 präsentieren. Völlig ernst gemeint.

Wir freuen uns, mit dem Geist von Karajan einen der größten Stars der Klassik-Szene zu präsentieren. Die Gezeitenkonzerte haben keine Kosten gespart, um die große Revival-Welttournee auch nach Ostfriesland zu holen. In der Großen Kirche in Leer wird der Geist von Karajan mit den Berliner Philharmonikern die dritte Beethoven Sinfonie in der Besetzung von 1962 dirigieren. Das Management teilte uns bereits mit, dass die Musiker sich sehr auf das Konzert freuen und auch der Geist von Karajan gespannt auf das ostfriesische Publikum sei.

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Ochtersum all over the World

Annika Treutler (Klavier) und Ramón Ortega Quero bei ihrem Gezeitenkonzert in Ochtersum, Foto: Gonda van Ellen

Annika Treutler (Klavier) und Ramón Ortega Quero bei ihrem Gezeitenkonzert in Ochtersum, Foto: Gonda van Ellen

Es gibt in Ostfriesland ein kleines Dorf, das nennt sich Ochtersum. Wer zum ersten Mal durch Ochtersum fährt, erlebt ein beschauliches, unspektakuläres Dörfchen, wo direkt hinter der Kirche die ostfriesische Endlosigkeit beginnt. Hier ist nicht viel los. Seit gestern Abend dürfte (zumindest theoretisch) die halbe Welt Ochtersum kennen. Das Gezeitenkonzert mit Ramón Ortega Quero (Oboe) und Annika Treutler (Klavier) wurde von Deutschlandradio Kultur live übertragen. Eine Premiere bei unserem Festival. Viele Konzerte wurden in den letzten drei Jahren mitgeschnitten und zum Teil in diesem Jahr ausgestrahlt, doch eine Live-Schalte war noch nicht dabei. Wibke hat hier schon erzählt, wie diese besondere Übertragung zustande kam.

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