„Sturm und Klang“ – ein Motto mit Hintersinn

Gedanken zum Gezeitenkonzertprogramm 2017

Vogel im Watt wartet auf die Flut

Warten auf die Flut, Foto: Karlheinz Krämer

Nun ist es also wieder so weit: Der Programmheftautor der Gezeitenkonzerte – also ich, Ulf Brenken – hat quasi wieder Freizeitverbot. Zum sechsten Mal seit 2012, bin ich wieder voller Vorfreude auf die Musik der 32 Konzerte, von denen diesmal 19 mit umfangreichen und 10 weitere mit Übersicht schaffenden Einführungsbeiträgen von mir versehen werden wollen. Nur noch 110 Tage bis zum Auftaktkonzert!

„Sturm und Klang“ ist, in Anlehnung an die literarische Strömung des deutschen „Sturm und Drang“, die sich im knappen Zeitraum von zwanzig Jahren zwischen 1765 und 1785 abspielte, eher kein musikalisch definierbares Motto. Manchmal finden sich Verortungen im Bereich der frühen Klassik (Carl Philipp Emanuel Bach, die Mannheimer Schule, Joseph Haydn), aber als Musikfestival-tragendes Motto wäre es nur schwer mit programmatischen Inhalten zu füllen. Reduzieren wir es also hintersinnig und kurzweilig auf den Wortwitz, der Natur und Kunst miteinander verbindet und es damit durchaus eindeutig für die ostfriesischen Gezeitenkonzerte charakteristisch erscheinen lässt.

Weiterlesen

Short Ride in a Fast Machine

Das Abschlusskonzert mit der JPON in Bunderhee

Prélude

Zur Einstimmung auf das Gezeitenkonzert gab es für die JPON erst einmal PIZZA! Foto: Karlheinz Krämer

Zur Einstimmung auf das Gezeitenkonzert gab es für die JPON erst einmal PIZZA! Foto: Karlheinz Krämer

Alles ist einige Nummern größer: Der Weg vom ersten Kartencheck bis zur Konzert-Reithalle – mehrere hundert Meter. Das Interesse am Streifzug um 14:30 Uhr (Gestütsführung mit Präsentation Friesenpferde) – 120 Menschen. Zahlenmäßig etwa ebenso viele wie Mitglieder des Jungen Philharmonischen Orchesters Niedersachsen (JPON). Anzahl der vom Orchester bestellten und in mehreren unhandlichen Kartons vom Pizzaservice angelieferten großen Mafiatorten für das JPON nach der Einspielprobe – schätzungsweise 40. Zuhörer des Abschlusskonzertes in Bunderhee um 17:00 Uhr – knapp 1.400 = neuer Besucherrekord für eine Einzelveranstaltung der Gezeitenkonzerte! Weiterlesen

Fenster, Türen, Wintergärten

Klaviertrio-Konzert bei Pollmann & Renken in Aurich-Schirum

Meenke Pollmann bei der Begrüßung zum vorletzten Gezeitenkonzert

Meenke Pollmann bei der Begrüßung zum vorletzten Gezeitenkonzert

Ein weiterer, besonderer Spielort der Gezeitenkonzerte tat sich vor mir auf, als ich im Team-Bully auf das Betriebsgelände im Gewerbegebiet etwas südlich von Aurich gefahren wurde. Pollmann & Renken – eine Firma, die sich mit dem Verkauf von Fenstern, Türen und Wintergärten beschäftigt und dafür ein eigenes Gebäude mit entsprechend viel Ausstellungsfläche belegt. Für unser Konzert, das vorletzte der diesjährigen Festspielsaison, wurden Ausstellungsflächen frei geräumt und die Fläche bestuhlt, zum zweiten Mal nach 2014. Zweihundert Besucher fanden Platz, auch auf der Galerie wurde eine Stuhlreihe eingerichtet. Die Einspielprobe der drei Musiker ließ bei „trockener“ Akustik (Nachhall: quasi nicht messbar) einen musikalisch aufregenden Abend erwarten. Schöne und kurze Begrüßungsreden von Firmeninhaber Meenke Pollmann und Landschaftspräsident Rico Mecklenburg, dann begann die Musik.

Fenster

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Lilit Grigoryan im intensiven Zusammenspiel mit Andrei Ioniţă, Foto: Karlheinz Krämer

Sergej Rachmaninoff schrieb sein erstes, einsätziges Klaviertrio (in g-Moll, „Trio élégiaque“) 1892, also ein Jahr vor dem Tod von Peter Tschaikowsky. Wie sehr er den Mentor schätzte, ließ er der Nachwelt im Folgejahr wissen, als er dann zu seinen Ehren sein großes, zweites Klaviertrio komponierte. Das erste enthält tatsächlich noch mehr Reminiszenzen an Tschaikowskys Musik, als ich beim bisherigen Hören wahrgenommen hatte. Motive aus der fünften Sinfonie schimmern durch, andere Floskeln sind einfach nur typisch – als ob sich ein Fenster zu Tschaikowskys Musikwelt geöffnet hätte. Dass es sich um ein (opuszahlfreies) Frühwerk handelt, merkt man an der unausgeglichenen Aufteilung der drei Instrumente, denn es kam immer wieder zu Episoden, die wahlweise einer Violin- oder einer Cellosonate gut zu Gesicht gestanden hätten. Ein wirkliches Klaviertrio ist das „Trio élégiaque“ noch nicht – vielleicht blieb es auch deshalb ein einsätziger Versuch. Weiterlesen

„Fast alles wird gut – für eine Nacht jedenfalls“

Ein Sommernachtstraum mit Rufus Beck und Anna und Ines Walachowski

Rufus Beck mit "Ein Sommernachtstraum" im Fährhaus am Borkumterminal, Foto: Karlheinz Krämer

Rufus Beck mit „Ein Sommernachtstraum“ im Fährhaus am Borkumterminal, Foto: Karlheinz Krämer

Man lernt nie aus, als Hamburger, auf dem Weg nach Emden: Das Zwischenahner Meer ist ein See, heißt aber Meer, weil hier alles, was ein See ist, so heißt. Die Hinfahrt war also ein schönes Vergnügen, es reichte zwar nicht für Bratkartoffeln (16:00 Uhr = falsche Zeit), aber Matjes gab es trotzdem – und die Gelegenheit für eine gut einstündige Rundfahrt auf dem Teich, Pardon: See, Pardon: Meer.

„Schnitt“ (Rufus Beck). Das Borkumterminal in Emden ist als ungewöhnlicher Veranstaltungsort für ein Gezeitenkonzert eine originelle Idee. Trotz durchgängiger Klimaanlage, stellenweise Regengeprassel und dem – bei kulturellen Veranstaltungen in unseren Breiten leider fast obligatorischen – Gläser- und Flaschengeklirr direkt nach der Pause war es ein unterhaltsames Abenteuer, hier den „Sommernachtstraum“ aufzuführen. „Von und nach William Shakespeare“, wie es im Programmheft heißt, bzw. als One-Man-Show eines Rufus Beck, gab es Theater en miniature, musikalisch begleitet von Anna und Ines Walachowski, die dazu vierhändig auf dem Klavier Mendelssohn spielten. Weiterlesen

Nächster Halt: Routenzugbahnhof

Gezeiten-Classixx im VW-Werk Emden

Gezeiten-Classixx mit dem Warschauer Symphonie-Orchester im Routenzugbahnhof des VW Werks Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Gezeiten-Classixx mit dem Warschauer Symphonie-Orchester im Routenzugbahnhof des VW Werks Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Sicherheitskontrollen, Werkschutz, eine vergleichsweise schmale Einlasstür für 660 Menschen – wir sind im Volkswagen Werk Emden, und trotzdem fast pünktlich um 17:00 Uhr beginnt das Konzert Nr. 20 der diesjährigen Gezeitenkonzerte, die ausverkauften Gezeiten-Classixx, nach dem Abschlusskonzert in Bunderhee unsere zweitgrößte Veranstaltung. Eine riesige Halle, in der bei sinnfreier Komplettbestuhlung geschätzt sicher dreitausend Menschen Platz gehabt hätten, wurde von uns nach 2015 erneut als Konzertraum verwendet, diesmal aus akustischen Gründen jedoch um 90° Grad versetzt. In der werktags als Routenzugbahnhof genutzten Halle gab es folglich Stuhlreihen links und rechts etwas versetzt sowie mittig zur Bühne, wobei mein Hörtest während der Probe am frühen Nachmittag keine besonders gravierenden Unterschiede erkennen ließen. In der Mitte hörte man aber logischerweise am besten. Weiterlesen

In die Völlen

Nachtmusiken mit Matthias Kirschnereit in Völlen | Part II

Matthias Kirschnereit, Foto: Karlheinz Krämer

Matthias Kirschnereit, Foto: Karlheinz Krämer

Nachts kann es südlich von Leer schon mal richtig laut werden – zumindest wenn die Gezeitenkonzerte anrücken. In Völlen fand der „richtige“ Soloabend von Matthias Kirschnereit statt, über den es nun zu berichten gilt. Im Unterschied zu weiteren rund 150 Zuhörern, die schon das gleichfalls ausverkaufte Zusatzkonzert am vorgestrigen Dienstag besucht hatten, bekamen wir noch mehr geboten. Aber dazu später mehr.

Matthias Kirschnereit übernahm in einer Person die Funktionen Gastredner (Dank an den Sponsor Raiffeisenbank Flachsmeer eG), Moderator (direkt nach der Pause gab er eine kurze Einführung in Leben und Werk von Fanny Hensel) und Künstler. Denn Klavier spielen kann er ja auch ganz ordentlich. Sein Programm hieß „Nachtmusiken“. Weiterlesen

„Ein Komet am niedersächsischen Festivalhimmel“

Start der fünften Saison der Gezeitenkonzerte am 24. Juni 2016

Begrüßung durch Ministerpräsident und Schirmherr der Gezeitenkonzerte Stephan Weil, Foto: Karlheinz Krämer

Begrüßung durch Ministerpräsident und Schirmherr der Gezeitenkonzerte Stephan Weil, Foto: Karlheinz Krämer

Ausverkaufte Emder Johannes a Lasco Bibliothek mit gut 430 Zuhörern – war klar. Einleitendes von Landschaftspräsident Rico Mecklenburg – war klar. Schließlich eine kurze Rede des musikalischen Leiters Matthias Kirschnereit – war auch klar. Dazwischen – und jetzt kommt’s – ein Grußwort des Niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil, in diesem Jahr Schirmherr der Gezeitenkonzerte, der seinen Arbeitstag in Emden mit dem Besuch des Auftaktkonzertes abrundete. Und seine Worte haben Gewicht: Die erfolgreich in ihre fünfte Saison gestarteten Gezeitenkonzerte „sind ein Komet am niedersächsischen Festivalhimmel.“ Die künstlerischen Leistungen wären beeindruckend, die kulturelle Vielfalt in „seinem“ Land sei ohnehin besonders. Er sei gerne hier in Emden und freue sich nun auf die Musik. Dafür vielen Dank – und damit kommen wir zur inhaltlichen Hauptangelegenheit. Weiterlesen

Motto Gezeitenkonzerte 2016: SommerNachtsTraum

Ein lauer SommerNachtsTraum bei der Langen Nacht 2015, Foto: Karlheinz Krämer

Ein lauer SommerNachtsTraum bei der Langen Nacht 2015, Foto: Karlheinz Krämer

Ein Blick aus dem Fenster auf die schönste Stadt der Welt, die dokumentiert hat, dass sie keine Olympischen Spiele will: Es ist zwar Dezember, aber nicht Winter. Es wird sogar früh dunkel, aber nicht wirklich kalt. Vereinzelt erkennt man Weihnachtsbeleuchtung, aber es herrscht irgendwie noch keine Adventsstimmung. Da kommt der aufmunternde Vorschlag der Ostfriesischen Landschaft gerade recht: Schreib‘ doch mal wieder einen Blogbeitrag – gern über das Motto der kommenden Gezeitenkonzerte im Sommer 2016! Wie lautet das noch mal gleich?

SommerNachtsTraum
Das Motto der fünften Saison der Gezeitenkonzerte lautet SommerNachtsTraum. Nach den vieldeutigen Überschriften „Entdeckungen“ (2013) und „Kontraste“ (2014) und musikgeschichtlich eher konkreten „Neue Bahnen“ (2015) wendet sich das Festival diesmal einem scheinbar eindeutigen Begriff zu: SommerNachtsTraum – ein Einfall des künstlerischen Leiters Matthias Kirschnereit, der bei den Verantwortlichen ziemlich schnell Mehrheiten fand. Da steckt alles drin, was unser Festival ausmacht: Wir spielen mitten im Sommer, traditionell beginnend am Wochenende der Johannisnacht Ende Juni, und dann bis Mitte August. Ein besonderes Aushängeschild sind unsere Langen Nächte mit den Gipfelstürmern, einem immer ausverkauften Format, das vermutlich auch mehr als zweimal pro Saison sein begeistertes Publikum finden würde. Außerdem ist die Abendstimmung nach Konzertende in mehrheitlich wolkenlosen Sommernächten im ostfriesischen Niemandsland von oft berückendem Charme. Und Traum? Ein Traum ist das Festival im Ganzen, angefangen von der Programmvielfalt, mit großartigen Künstlern, in einer besonderen landschaftlichen Ecke Deutschlands, ein typisches Beispiel für das Mehr als die Summe einzelner Teile. Weiterlesen

Gezeitenkonzerte 2012 bis 2015

Die ersten vier Jahre Gezeitenkonzerte: Zahlen und Fakten aus Sicht des Programmheftautors

aufmerksames Studieren des Abendprogramms, Foto: Karlheinz Krämer

aufmerksames Studieren des Abendprogramms, Foto: Karlheinz Krämer

86 Programmhefttext-affine Konzerte, 147 verschiedene Komponisten mit 427 Werken (inkl. Mehrfachaufführungen)

17 Konzerte mit Orchester (Sinfonieorchester, Kammerorchester, mit und ohne Chor/Solisten)
14 Konzerte mit vier bis acht Musikern (Streicheroktett, Posaunenoktett, Streichquintett, Klavierquintett, Klavierquartett, Saxophonquartett, Streichquartett, Gitarrenquartett)
16 Konzerte in Triobesetzung [immer plus Klavier:] Klarinette/Fagott, Klarinette/Violine, Klarinette/Viola, Violine, Violoncello, Orgel/Gesang, Klarinette/Bassetthorn, Horn/Violine, Schlagzeug/Violoncello – und einmal Flöte/Viola da Gamba/Laute
20 Duo-Konzerte [plus Klavier:] Violine, Viola, Violoncello, Oboe, Klarinette – außerdem Violine und Violoncello, Flöte und Harfe
12 Klavier-Solokonzerte (auch vierhändig / ggf. mit Moderation)
1 Violoncello-Soloabend
1 Liederabend
5 Lesungen mit Musik (zweimal mit Klavier, zweimal mit Violine und Klavier, einmal mit Flöte und Gitarre)
10 Konzerte/Lesungen/Vorträge mit Werken ausschließlich eines Komponisten (Bach, Beethoven, Chopin, Gershwin, Haydn, Mozart, Rihm, Ruzicka, Tschaikowsky, Widmann)
6 Lange Nächte der Gipfelstürmer
2 abgesagte Gezeitenkonzerte – daraus folgend: 1 Ersatzkonzert (2015), wobei das ursprüngliche (Maria João Pires, 2015) zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt wurde, 1 Ersatzprogramm (Alfred Brendel, 2014)

Weiterlesen

Ostfriesische Trilogie – Schlusskonzert

Dritter Tag: Ausatmen in Bunderhee

Reges Treiben vor der Reithalle des Polderhofes in Bunderhee vor dem Schlusskonzert der Gezeitenkonzerte, Foto: Karlheinz Krämer

Reges Treiben vor der Reithalle des Polderhofes in Bunderhee vor dem Schlusskonzert der Gezeitenkonzerte, Foto: Karlheinz Krämer

Auf dem Polderhof in Bunderhee herrscht reges Treiben. Einige Dutzend Menschen sind in Gange, dabei sind es noch mehr als zwei Stunden bis zum Beginn des Abschlusskonzertes der diesjährigen Gezeitenkonzerte der Ostfriesischen Landschaft. Vorbereitungen für eine wirkliche Großveranstaltung – die größte, die es seit mehr als 120 Konzerten in vier Festivaljahren bisher gegeben hat. Über 1.000 Besucher werden nachher die umgestaltete Reithalle füllen, mehr als 120 Musikerinnen und Musiker werden dort spielen. Es herrscht bereits jetzt eine Arbeitsatmosphäre wie im Bienenstock.

Im umgebauten Reitstall wurden Holzböden ausgelegt, darauf in über 30 Reihen jeweils 32 Stühle aufgestellt, so dass ein Konzertsaal entstand, wo vorher Pferde ihre Runden drehten. Auf der Bühne hat ein fast beliebig großes Orchester Platz, heute ist es das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen (JPON), das vor drei Tagen in Westerstede, vorgestern in Otterndorf und gestern in Hannover aufgetreten ist. Weiterlesen