Bach und wir

Lars Vogt beim Gezeitenkonzert in Backemoor, Foto: Karlheinz Krämer

Lars Vogt beim Gezeitenkonzert in Backemoor, Foto: Karlheinz Krämer

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Wenig später schuf Bach die Goldberg-Variationen. Noch ein wenig später tauchte ein junger Kanadier seine langen Finger ins heiße Wasser, spielte summend die Aria und veränderte die Musikwelt.

So weit, so altbekannt.

Wenn Lars Vogt die Goldberg-Variationen spielt, kann man das trockene Non Legato von Glenn Gould und dessen musikalische Exzentrik ruhig mal vergessen. In Backemoor betritt Lars Vogt die Bühne, beginnt ohne Zögern die auf dem gesamten Erdball bekannte Aria und taucht erst 70 Minuten später wieder auf. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Man hat einer „Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“ gelauscht. Was für eine herrliche Untertreibung! Aus dieser Übung ist ein Symbol entstanden, für die abendländische Klavierliteratur, für einen ganzen Musikkosmos, für ein kleines Weltwunder an Schönheit, Leben, Form, Inhalt, Virtuosität. Letzteres ist wohl auch der Grund, warum dieses Mammutwerk so selten auf die Bühne kommt. Lars Vogt hat 15 Jahre daran gearbeitet, die 30 Variationen bühnenreif zu spielen. Die Hürden sind groß, technisch wie inhaltlich. Als Pianist hat man es noch um einiges schwerer, weil ein Teil der Variationen für ein Cembalo mit zwei Manualen geschrieben ist. Lars Vogt muss also übergreifen, die gesamte Klaviatur einnehmen und gleichzeitig die polyphone Architektur zusammenweben.

Lars Vogt, Foto: Karlheinz Krämer

Lars Vogt, Foto: Karlheinz Krämer

Schon lange hat sich die allgemeine Interpretation auch wieder der romantischeren Weise genähert, etwas rubato ist also erlaubt. Wie sollte nach Gould auch mit dem Werk umgegangen werden, ohne dessen Exotik zu imitieren? Neben den zahlreichen historisch authentischen Einspielungen (unübertroffen: Gustav Leonhardt http://www.youtube.com/watch?v=iSXj48lkFew) bleibt der Flügel heute immer noch die beliebteste Variante. Lars Vogt nutzt dabei alle Möglichkeiten des Instrumentes, setzt die Variationen ohne Pausen zusammen, spielt die schwierigen Läufe glasklar, wird hämmernd laut und getupft leise. Die Gefühle rauschen nur so vorbei; so schnell geht es ja bei den Variationen zu, dass Hirn und Herz nicht immer mitkommen. Perfekt – ein Wort, das Lars Vogt nicht mag, weil es die Menschlichkeit negiert. Aber man muss sich mal durch die zweitklassigen Aufnahmen durchhören, um zu erkennen, dass Backemoor etwas erlebt hat, das es einfach sonst kaum zu hören gibt. Heiter und kunstvoll geht es in den Tänzen zu, mal etwas derber, mal gesanglich, kantabel zart und immer eine musikhistorische Bestandsaufnahme der barocken Zeit.

Die mentale Stärke des Pianisten muss endlos sein. Zumindest technisch hat er etwas Unterstützung. Das Notenheft hat nämlich ausgesorgt. Dafür liegt nun das Tablet im Flügel, das mit dem linken Fuß per Transponder umgeblättert wird. Er hat also nicht 70 Minuten auswendig gespielt, wie einige Besucher völlig ungläubig in der Pause staunten, sondern die Noten waren digital dabei.

Wäre dieses Gezeitenkonzert nach den Goldberg-Variationen zu Ende gewesen – wir hätten alle genug Seelenfutter für die nächsten Wochen gehabt. Nicht nur alphabetisch kommt nach Bach und Backemoor Beethoven. Nicht die Diabelli-Variationen, sondern die riesige letzte Klaviersonate in c-Moll ist es, die in Backemoor so majestätisch geballt beginnt und beinahe stumm verklingt. Ein Stück voller Kontraste. Und vor allem voller Variationen im zweiten Satz. Hier liegt die entscheidende Verbindung zum Bach.

Trotz Riesenapplaus spielt Lars Vogt keine Zugabe. Zum Glück. Es hätte nichts mehr gepasst. Der musikalische Everest war bestiegen. Dort oben war es still wie am Ende dieser Sonate, in der wir laut Edwin Fischer das „Diesseits und das Jenseits versinnbildlicht finden“. Manchmal hat man wirklich das Gefühl, dass große Künstler an einem zweiten Ort sind. Es muss ja nicht gleich das Jenseits sein. Lars Vogt war in Backemoor und zugleich an einem anderen Ort. Er hat uns mit Bach und Beethoven einen Blick auf diesen Ort gewährt. Es sah himmlisch aus.

Publikum beim Gezeitenkonzert in Backemoor, Foto: Karlheinz Krämer

Publikum beim Gezeitenkonzert in Backemoor, Foto: Karlheinz Krämer

3 Gedanken zu „Bach und wir

  1. Eine wunderbare Beschreibung eines großartigen Konzertereignisses! Ich stimme zu: Mit welcher Souveränität Lars Vogt die enormen technischen und auch musikalischen Herausforderungen meisterte, war schlicht überwältigend. Ein einzigartiges Erlebnis, diese zwei Meisterwerke überhaupt einmal live und dann auch noch in einer solch frischen, kraftvollen (Beethovens 1. Satz!), bis ins Detail durchdachten Interpretation zu hören. Der Hauch von Jazz tat dabei sowohl Beethoven als auch – wer hätte das gedacht? – Bach sehr gut. Riesenkompliment!

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