Elf Spieler sollt ihr sein

Wassily Gerassimez (Cello) und Hanni Liang (Klavier) - im Hintergrund: Elisabeth Brauß, die für die Kollegin spontan die Noten wendet; Foto: Karlheinz Krämer

Wassily Gerassimez (Cello) und Hanni Liang (Klavier) – im Hintergrund: Elisabeth Brauß, die für die Kollegin spontan die Noten wendet; Foto: Karlheinz Krämer

Ein halbe Note besteht aus zwei Viertelnoten. Zwei Herzschlägen. Seit dem durchschlagenden Erfolg der ersten Langen Nacht der Gipfelstürmer schlägt auch dieses Format zweimal aufeinander in Aurich die Saiten an. Teilte man sich letztes Jahr noch die Konzertorte auf (Hotel am Schloss und Ostfriesische Landschaft), war man jetzt nur in die Landschaft gegangen. Zweimal ausverkauftes Haus am Freitag und Sonnabend. Für das Team sicherlich eine entspanntere Situation, muss man doch nur einmal auf- und abbauen.

Das Konzept ist schnell erzählt. Zwei Handvoll junge, hochmotivierte, und ebenso talentierte Musiker kommen als Gipfelstürmer zu den Gezeitenkonzerten und spielen in unterschiedlichen Konstellationen ein Wandelkonzert. Publikum und Künstler wechseln die Räume und sind die ersten beiden Teile noch ein klassisches Pflichtprogramm, entscheiden die Musiker im dritten Teil spontan, wer die Bühne betritt. Ein Konzept, das Matthias Kirschnereit aus Landow mitgebracht hat und bei den Gezeiten wie eine Granate eingeschlagen ist. Wie in jedem Jahr sind es also die jungen Musiker, die diese beiden Abende prägen. Die diesjährige Truppe fand unglaublich schnell zusammen und übernahm die Regie wie eine eingespielte Elf. Wie in jedem Jahr kann man nicht alle gleichzeitig würdigen, daher soll die Startaufstellung Großes andeuten: Leonard Fu (Violine), Wassily Gerassimez (Violoncello und alle weiteren Instrumente), Nemorino Scheliga (Klarinette), Theo Plath (Fagott), Julia Kammerlander (Klavier), Elisabeth Brauß (Klavier), Markus Czieharz (Trompete), Hanni Lang (Klavier), Roman Majewski (Schauspiel) und zwei altbekannte Moderatoren (Matthias Kirschnereit und Ulf Brenken).

Der Schauspieler Roman Majewski war eine prima Ergänzung; Foto: Karlheinz Krämer

Der Schauspieler Roman Majewski war eine prima Ergänzung; Foto: Karlheinz Krämer

Zur Musik. Anders als im letzten Jahr fällt die musikalische Schwere im ersten und zweiten Teil auf. Dvorák, Rachmaninow, lange und anspruchsvolle Trio- und Duostücke, die zu Herzen gehen. Nicht weniges ist an diesem Abend unter politisch schwierigen Umständen entstanden wie Chopins g-Moll Ballade. Für heitere (aber nicht weniger anspruchsvolle) Abwechslung sorgt da Roman Majewski mit einem Monolog aus „Die Räuber“ und dem Stück „Sofa“ von Ingrid Lausund, in dem der Zwang zum Pseudoindividualismus am Beispiel des Marketings eines großen Möbelhaus persifliert wird. Mit Glinkas „Trio pathétique d-Moll für Klarinetten, Fagott und Klavier“ perlt man in die Pause rein, etwas zu lang und spannungsarm, aber toll gespielt.

Entlockte seinem Instrument im Landschaftsgarten die spannendsten Töne inklusive Urschreitherapie laut Noten: Markus Czieharz; Foto: Karlheinz Krämer

Entlockte seinem Instrument im Landschaftsgarten spannende Töne: Markus Czieharz; Foto: Karlheinz Krämer

Bier und Wein im sonnigen Innenhof der Landschaft, bis die Trompete die nächsten Teile einläutet. Das Wandelkonzert ermöglicht unterschiedliche Hörerfahrungen. Wer wie das Team sich im zweiten Durchlauf befindet, kann erleben, wie die Stücke in den Räumen unterschiedlich klingen und die Interpretation sich am zweiten Abend an kleinen Stellen neu Akzente sucht.

Dritter Teil. Tragödie und Komödie finden zueinander. Aller Ernst wird abgeschüttelt, lange genug haben wir uns in Moll gesuhlt. Die Bildungs-Synapsen sind durchgeglüht. Rotes Licht über der Bühne. Schnell das schwarze Kleid ausgezogen und rein in die Slipper. Partytime.

Hatten großen Spaß beim Musizieren: Nemorino Scheliga (Klarinette) und Theo Plath (Fagott); Foto: Karlheinz Krämer

Hatten großen Spaß beim Musizieren: Nemorino Scheliga (Klarinette) und Theo Plath (Fagott); Foto: Karlheinz Krämer

Comedian Harmonists und der Hut mit den drei Ecken, Gerassimez-Brillanz und viel Gelächter. Es wird sich ausgetobt und alle machen mit. Walzer auf der Bühne, große Show und sportliche Virtuosität. Den „Karneval der Tiere“ für Lena. Kitsch mit einem Augenzwinkern. „Für alle, die es aus der Schule kennen“, lautet die Ansage. Moment, geht der Geiger nicht noch zur Schule? Alles vermischt sich. Musiker, Publikum, Gattungen, Kinderlied und Blues. Große Hochzeit und alle Hüte in die Luft! Es ist Null Uhr Zwölf. Wir sind bei „E“ gestartet und bei „U“ angekommen. Zwischen „E“ und „U“ steht bekanntlich das „O“. Auf eine Notenlinie gemalt, ergibt sich daraus eine ganze Note. Bei der sind wir mittlerweile angelangt. Der Kreis schließt sich und aus zwei Langen Nächten wird eine große, runde und bereichernde Sache. Man könnte es natürlich auch einfach als normales „O“ lesen. Dann steht es zum Beispiel für Ostfriesland. Und auch das verdient nach diesem Wochenende eine besondere Note. Wie sagt Ulf Brenken doch so schön: „Finden Sie mal in Hamburg ein solches Konzert mit diesem Preis-Leistungs-Verhältnis“. Zieren wir uns also nicht. Die Note lautet: „Sehr gut“.

"Fu kam überraschend.", war in den Ostfriesischen Nachrichten zu lesen: Leonard Fu (Violine), Foto: Karlheinz Krämer

„Fu kam überraschend.“, war in den Ostfriesischen Nachrichten zu lesen: Leonard Fu (Violine), Foto: Karlheinz Krämer

 

 

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