Kometeneinschlag im Gut Horn

Ein verregneter Sommerabend auf Gut Horn Gristede, Foto: Karlheinz Krämer

Ein verregneter Sommerabend auf Gut Horn Gristede, Foto: Karlheinz Krämer

Regen, nichts als Regen. Den ganzen Tag schon. Nach dem furiosen Eröffnungskonzert schien es eher trübe weiterzugehen. Nach dem Aufbauen waren alle bereits sehr durchnässt und wärmten sich mit heißem Kaffee im warmen und trockenen Gut Horn auf. Eigentlich schade, dass man diesen wundervollen Ort nicht bei Sonnenschein genießen konnte. Vielleicht ja im nächsten Jahr?

Schneller als man denkt, beginnt der Einlass, alsbald ist es 20:00 Uhr, und die Musik kann losgehen. Begonnen wurde mit einem Duett von Mozart in G-Dur, eigentlich für Violine und Viola, heute in einer Fassung mit Violoncello. Wunderschön, keine Frage. Mozart kommt immer gut. Doch zufällig spiele ich dieses Stück auch gerade mit einer Bratschistin, mehr oder weniger erfolgreich. Aber trotzdem: Da musste doch noch mehr kommen!

Gergana Gergova und Alban Gerhardt, Foto: Karlheinz Krämer

Gergana Gergova und Alban Gerhardt, Foto: Karlheinz Krämer

Und wie. Nach einer kurzen, künstlerischen Verwirrungspause („Was spielen wir denn jetzt?!“) ging es weiter mit einem Solowerk von Max Reger für Violoncello. Der Name passte zum Wetter des Abends. Was viele nicht wissen: Reger war dem guten Essen und vor allem dem Alkohol nicht unbedingt abgeneigt. Er war ein entsprechend stattlicher Typ, der sich auch vor Auftritten gerne dopte und ein kleineres Getränk zum flüssigen Spiel zu sich nahm. Gerüchten zufolge hat er sogar einmal zu Beginn eines Konzerts sein Abendessen wieder in den Flügel entlassen. Seine wunderschöne Musik ist dementsprechend geprägt vom starken Schwellern und einer gewissen Melancholie, für mich torkelt sie immer ein wenig.

 

Alban Gerhardt hat uns offenbar ein frühes Werk dargeboten, denn von alldem war nicht zu hören. Gerade die schnellen Sätze beeindruckten sehr und der Ausnahmekünstler wurde mit tosendem Applaus belohnt. Könnte schon ein furioser Schlusspunkt sein, bereits jetzt wäre es eine überaus lohnenswerte erste Hälfte gewesen. Doch jetzt kam erst die große Stunde der einmaligen Gergana Gergova. Los ging es mit Ravels Sonate für Violine und Violoncello im unnachahmlichen Stil des französischen Komponisten. Vor allem rhythmisch sehr interessant. Schade, dass so viele nur den Bolero kennen. Zweifellos war dieses Stück mit über 20 Minuten Länge ein Kraftakt für beide Künstler, die beide schon ein paar Darbietungen in den Knochen hatten. Richtig verstanden habe ich die Sonate aber erst in der Pause, als mir Ulf Brenken die harmonischen Zusammenhänge erklärte. Das ganze Stück, wenn ich ihn richtig verstanden habe, beruht auf einem musikalischen Thema, das in A-Dur und a-Moll in allen Sätzen wiederkehrt. Klingt simpel, ist aber total schwer für den Aufführenden, da die beiden Tonarten außer dem Grundton nichts gemeinsam haben und man sich von seinem Gehör, dem Kostbarsten eines jeden Musikers, nicht täuschen lassen darf. Sonst wird es schnell unsauber. Beide Künstler lösten dieses Problem bravourös.

Beweisfoto: Violinistin Gergana Gergova wird bei der Tzigane von Alban Gerhardt am Klavier begleitet, Foto: Karlheinz Krämer

Beweisfoto: Violinistin Gergana Gergova wird bei der Tzigane von Alban Gerhardt am Klavier begleitet, Foto: Karlheinz Krämer

Kurz vor der Pause gab es die Tzigane (Zigeunermusik) von Ravel für Violine und Klavier. Am Flügel durften wir an diesem Abend den Cellisten bewundern. Doch das Publikum blickte gebannt auf die Geige. Dieses Stück zeigt einfach alles, was man mit dem Instrument machen kann. Mir fällt keine Spieltechnik ein, die nicht vorkam. Mir bleibt nichts zu sagen außer Hut ab, Chapeau.

 

Abgerundet wurde dieses Konzert nach einer regnerischen und leckeren Pause, die wir danach auch alle nötig hatten, von Dvoraks Klaviertrio Nr. 4, Dumky. Alban Gerhardt räumte schweren Herzens den Klavierhocker für Matthias Kirschnereit. Einfach wunderschön, Romantik pur. Die Spielfreude war bei allen Künstlern ungebrochen und wurde letztendlich belohnt mit lang anhaltendem Applaus und Fußgetrampel. Auch an diesem Abend brauchte ich wieder einige Zeit, um runterzukommen und das Gesehene nochmal Revue passieren zu lassen. Zum Glück erwartet mich ein ruhiger Sonntag, Grillen mit Freunden und ein wenig Fußball. So kann es weitergehen, der Komet Gezeitenkonzerte zieht seine Bahnen!

2 Gedanken zu „Kometeneinschlag im Gut Horn

  1. Zum zweiten Mal war ich aus Bremen zum Gezeitenkonzert angereist. EIn schöner Ort: das Gut Horn in Gristede! Sympathische und und hochqualifizierte Musiker. EIn nettes Restaurant ganz in der Nähe. Der Regen, der fast durchgängig vom Himmel fiel und den Tag in ein tristes Grau tauchte, der war nun leider gegeben.
    Etwas verwundert war ich aber über die Zusammensetzung des Musiker-Ensembles und die „schwere Kost“ Maurice Ravel. Streicher als Duo oder auch als Solisten bringen natürlich niemals einen „Sound“ in den Raum, der mit einem Klavier als Trio (oder als Streicher-Quartett oder -Quintett) erreicht werden kann. Daher war für mich erst die zweite Konzerthälfte mit dem Dvorak Klaviertrio der Teil des Konzertes, der mich dann gefangen nahm. DIe Bewunderung und Anerkennung von Solisten-Qualitfikationen ist wohl vorhanden, aber die Musik des Maurice Ravel war für solch ein Sommer-Konzert auf dem Lande nicht glücklich gewählt. Das 19. Jahrhundert hat ein unerschöpfliches Reservoir an Musikstücken, ohne nun gleich die Operette als Maßstab zu setzen. „Musikalische Bildung“ des Auditoriums mittels Ravel ist da m.E. weniger gefragt. Und eben das, was mit Ravels Musik transportiert wird, auch nicht. Ich möchte primär nicht Künstler bewundern, wie sie schwierige Stücke meistern, sondern an solch einem Abend von „good vibrations“ berührt werden.

    • Liebe Frau Tecklenborg,

      vielen Dank für Ihren Kommentar: Anregungen sind uns immer sehr willkommen! Was den Sound angeht, haben Sie natürlich Recht, deswegen war der Dvorák auch umso wirkungsvoller. Natürlich ist die Musik von Ravel sehr kompliziert und lotet die Grenzen des tonal Möglichen aus. Das trifft nicht jedermanns Geschmack. Mich hat dafür die Virtuosität und Spielfreude der Künstler berührt. Insgesamt war das Programm meiner Meinung nach ein toller Mix aus Klangschönheit (Mozart und Dvorák) auf der einen und den spielerischen Meisterleistungen (Ravel) auf der anderen Seite. Aber dazu gibt es sicherlich bei einem Publikum von rund 300 Personen sehr unterschiedliche Ansichten.

      Viele Grüße
      Hilko Engberts

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