Konzert oder Catering?!

Blick ins Publikum, Foto: Karlheinz Krämer

Blick ins Publikum, Foto: Karlheinz Krämer

Very British“ kam das dritte Gezeitenkonzert am Sonntag im Volkswagen Werk Emden daher. Ein Konzert in einer Industriehalle ist immer etwas Besonderes, da so eine Halle schließlich nicht für diesen Zweck gebaut worden ist. So bleibt es bis zu den ersten Takten spannend, ob die Akustik passt und an alles gedacht wurde. In diesem Jahr durften wir zum zweiten Mal im VW-Werk zu Gast sein. Nach den Erfahrungen im letzten Jahr mit Tine Thing Helseth und dem Ensemble Allegria im Presswerk wussten wir, dass wir eine andere Halle wählen sollten, wenn wir den Konzertgenuss in den Vordergrund stellen wollen. So also ging es am Sonntag – ein weitaus besser geeigneter Tag für ein Konzert im Werk als der Freitag, da dann erst ab 22:00 Uhr gearbeitet wird – in den Routenzug-Bahnhof im LOC. Ab früh morgens wurde dort die Bühne aufgebaut, die Stühle gestellt, die Instrumente geliefert und nachmittags, als alles fertig war, kamen die Musikerinnen und Musiker der Nordwestdeutschen Philharmonie. Ab 16:00 Uhr gab es eine kurze Probe. Zum gleichen Zeitpunkt durften die wartenden Gäste aufs Gelände. Eigentlich durften sie nur deshalb so früh schon das Tor passieren, damit sie das extra aufgebaute Catering nutzen können, doch alle stellten sich brav in die Schlange vorm Eingang. Da wir uns erst nach Beginn des Vorverkaufs auf den Routenzug-Bahnhof als Veranstaltungsort einigen konnten, haben wir beschlossen, zwar Karten in drei Kategorien, aber ohne Sitzplatznummerierung zu verkaufen, um flexibel zu bleiben. Wir haben auf die Mannschaft von VW vertraut, dass alles gut wird – und so war es dann auch.

Die Schlange beim Einlass - um die Ecke ging es weiter, Foto: Karlheinz Krämer

Die Schlange beim Einlass – um die Ecke ging es weiter, Foto: Karlheinz Krämer

Um kurz nach halb – wir wollten das Orchester zu Ende proben lassen – wurde die schmale Tür geöffnet und 600 Gäste stürmten ihren Plätzen entgegen. Zu diesem Zeitpunkt stand ich mit dem Orchestermanager Christian Becker vorne vor der ersten Reihe. Er fragte nur: „Mein Gott. Wie viele sind das denn? Meinen Sie, die finden wirklich alle Platz?“ Na, ja: Wir haben 600 Plätze und ebenso viele Besucher (mehr erlaubten die Sicherheitsauflagen nicht). Das wird wohl aufgehen. Es war ein schönes Bild.

Frank Beermann, Foto: Karlheinz Krämer

Frank Beermann, Foto: Karlheinz Krämer

Kurz vor Beginn des Konzertes nahmen die 65 Orchestermitglieder auf der dann knackvollen Bühne Platz. Nach zwei kurzweiligen Begrüßungen durch den Sprecher des Volkswagen Werks Emden, Ludger Abeln, und Landschaftspräsident Rico Mecklenburg ging es um 17:12 Uhr los. In der letzten Reihe war noch etwas Platz – im Nachhinein hörten wir, dass irgendwo die Autobahn gesperrt war, sodass einige wenige Besucher nicht durchgekommen sind. Dort sitzend fiel nicht auf, dass wir alle zusammen weniger als ein Drittel des Platzes dieser Halle füllten. Den Auftakt machte Händels „Feuerwerksmusik“. Und nach wenigen Tönen war klar: Alles ist gut! Es gibt keine störenden Nebengeräusche, die Musik kommt in all ihren Facetten gut durch, leise wie laute Passagen sind hörbar und das Orchester ist richtig gut – woran kein Zweifel bestand. Für das zweite Händel-Werk „Let the Bright Seraphim“ kam Julia Bauer, die Sopranistin, zusammen mit Trompeterin Anne Heinemann auf die Bühne. Hatte Julia Bauer auf den Fotos im Programmheft noch lange Haare, kam sie nun mit raspelkurzem Schnitt daher, der ihr jedoch ausnehmend gut steht. Auch die beiden Frauen waren mit ihren Soloparts gut und sehr schön anzuhören.

Anne Heinemann und Julia Bauer, Foto: Karlheinz Krämer

Anne Heinemann und Julia Bauer, Foto: Karlheinz Krämer

Damit war der erste Teil von Barock bis British abgegolten und der Dirigent Frank Beermann begrüßte das Publikum mit einem einfachen „Moin!“, hatte er doch zuvor gelernt, dass „Moin, Moin“ nur die Geschwätzigen sagen. Kurz und kurzweilig erklärte er, dass das Programm ein wenig der „Last Night of the Proms“ nachempfunden sei und unter dem Namen „Very British“ stünde. Es sei zwar erst der Beginn der Gezeitenkonzerte, aber vielleicht eine schöne Einstimmung auf den Sommeranfang. Wettertechnisch war dieser sehr ostfriesisch-britisch. Die Briten haben eine lange Musiktradition von Händel über Mozart und Haydn, die das britische Musikleben entscheidend geprägt haben. Auf die Frage, was sie denn glaubten, wo diese Komponisten herkämen, würden die Briten ganz klar sagen: „Das sind unsere Komponisten!“, so Beermann weiter.

Musikalisch ging es weiter mit einem Farbtupfer aus der slawischen Musik, der „Moldau“ von Smetana, da es Tradition sei, auch andere wichtige Werke ausländischer Komponisten erklingen zu lassen. Auf dieses Werk war ich sehr gespannt – als Mitglied des Organisationsteams kann man sich eben nie ganz entspannt zurücklehnen und genießen. Ich wusste, hier gibt es sehr leise und wichtige Passagen, und wenn ich die in der letzten Reihe gut hören könnte, ohne mich anzustrengen, wäre mir noch ein wenig leichter ums Herz. Hervorragend ließ sich der Weg des kleinen Baches zum großen Strom nachvollziehen und in der Musik mitschwimmen. Vor mir sagte ein Pärchen zueinander: „Ich find’s ganz gut!“ und in einer Kirche könne man das ja auch gar nicht machen, die sei ja viel zu klein.

Als nächstes stehe ein kleiner Höhepunkt auf dem Programm, so Frank Beermann. Die Geschichte spielt in der damaligen englischen Kolonie Indien. Ein Engländer verliebt sich in eine Inderin, sie mag ihn auch ganz gern, wird aber von ihrem Vater gezwungen, den Freund in eine Falle zu locken, um ihn zu töten. Das Attentat misslingt nur knapp. Für den „Weltfrieden“ opfert sich die junge Frau im Anschluss, um alle wieder zu Verstand zu bringen. Die Glöckchenarie aus der Oper „Lakmé“ von Léo Delibes, wunderbar gesungen von Julia Bauer, folgte. In dieser Arie singt die junge, verführerische Inderin und betört damit ihren englischen Geliebten. Julia Bauer war zuerst nur zu hören und kam aus der Künstlergarderobe langsam auf die Bühne. Operngesang gehört nicht zu dem, was ich mir gerne anhöre, aber diese Bandbreite an Tönen so sauber gesungen beeindruckte mich dann doch.

Eine beschwipste Julia Bauer, Foto: Karlheinz Krämer

Eine beschwipste Julia Bauer, Foto: Karlheinz Krämer

Nun kam der „schnellste Fachwechsel der Operngeschichte“. Julia Bauer wurde von der bezaubernden jungen Frau zur Rotzgöre mit „I could have danced all night“ aus „My Fair Lady“, dem Musical von Frederic Loewe. Auch dieses Stück sei dem Thema England geschuldet, erklärte Frank Beermann. Es beginne im Covent Garden vor der Royal Opera. Das Outfit durch ein schickes Hütchen – very British – ergänzt, tänzelte Julia Bauer beim Singen über die Bühne und ging durch den Mittelgang unter tosendem Applaus ab.
Als nächstes ging es um eine weitere Charaktereigenschaften der Briten, die Trinkfestigkeit. Hier gab es eine Anleihe aus Österreich als Reminiszenz an die britische Trinkkultur mit Strauss‘ „Schwipslied“, das Julia Bauer sehr süß darbrachte, indem sie von der Bühne torkelte und sich an Frank Beermanns Dirigentenpult festhielt und ihm zum Schluss sogar noch ihren Hut anheftete. Passend zum Nass für die Kehle und zum Thema „Very British“ kam jetzt auch der „pouring rain“ von oben: ein Wolkenbruch, der dann doch auch im Inneren der Halle zu hören war. „Sind betrunkene Frauen sonst eher peinlich, ist die Julia Bauer doch sehr entzückend!“, merkte meine Sitznachbarin leise während des Applauses an, der schon vor dem Schlussakkord einsetzte.

Es folgte eine verregnete Pause, die die Mehrzahl der Besucher im Inneren der Halle verbrachte. Glücklicherweise konnte das Sicherheitspersonal dort noch einen weiteren Toilettencontainer zugänglich machen, denn nach draußen wagte sich kaum jemand. Darunter litt natürlich Haase Catering. Einige Stimmen wurden laut, warum wir die Gastronomie nicht in der Halle aufgebaut hätten. Ganz einfach: Einlass war um 16:00 Uhr aufs Gelände. Zu dieser Zeit steht unsere Gastronomie bei den Sonntagskonzerten parat. In der Halle war für 16:00 Uhr die Probe angesetzt – und beides zugleich geht nicht. Außerdem konnte mit solch einem Wolkenbruch nun wirklich nicht gerechnet werden.
Aber wie sagte Frank Beermann nach der Pause so schön: Ihr hättet Euch entscheiden können: Konzert oder Catering. Wofür seid Ihr hergekommen – fürs Essen oder fürs Gezeitenkonzert?

Beschwingt ging es weiter mit Chatschaturjans Suite aus der „Maskerade“. Der Regen war zwar auch weiterhin leise auf dem Hallendach zu hören, aber man vergaß ihn schnell, vor allem mit der zunehmenden Intensität der Musik. Die melancholische Stimmung des Nocturnes unterstrich er noch. In der Romanze gab es wieder einen tollen Trompeteneinsatz von Anne Heinemann, diesmal als Mitglied der Nordwestdeutschen Philharmonie. Sie habe besonders gut gespielt, sagte mir jemand, der sich mit Musik auskennt, im Anschluss. Der folgende Galopp war ein Erlebnis für sich mit den witzigen Percussion-Effekten. Es musste da kurzfristig jemand einspringen, da der Stammschlagzeuger erkrankt war. Dann hat sich die Aushilfe aber ordentlich ins Zeug gelegt.

Ich musste an die eine ältere Dame im Publikum denken, von der ich weiß, dass sie dement ist, aber sich freut, wenn sie jemand zu Konzerten mitnimmt. Für sie – und natürlich für viele andere auch – wird das ein besonderes Erlebnis gewesen sein, konnte sie vielleicht doch ein paar Stücke noch mit irgendetwas aus ihrer Vergangenheit verknüpfen.

Julia Bauer very British, Foto: Karlheinz Krämer

Julia Bauer very British, Foto: Karlheinz Krämer

„Ultimativ kommen wir zum englischen Teil des Programms, dem Allerenglischsten.“ Auf die Frage von Frank Beermann, wer denn „Rule Britannia“ schon einmal live erlebt habe, gingen tatsächlich deutlich mehr als zehn Hände hoch. Es erschien Miss Britannia 2015: Julia Bauer im englischen Flaggenkleid mit blauer Perücke – ein Hingucker, nicht nur, weil das Kleid deutlich überm Knie endete. Im Abendprogramm war eine kleine Hilfe zum Mitsingen abgedruckt und beim Refrain mussten alle ran: „Rule Britannia! Britannia rule the waves. Britons never will be slaves!“ Ostfriesen auch nicht – da gibt es ja noch eine Gemeinsamkeit, denkt man an die ostfriesische Aussage „Lever dot as Slav!“.

Britische Gymnastik mit Frank Beermann, Foto: Karlheinz Krämer

Britische Gymnastik mit Frank Beermann, Foto: Karlheinz Krämer

Weiter ging es mit einem britischen Gymnastikprogramm. Die Deutschen haben Pilates, die Briten ihre „Last Night“. So wurde das Publikum von Frank Beermann mit der Drohung gezwungen, nach Ansage passend zur Musik von Henry Wood in die Knie zu gehen – „langsam mit geradem Rücken und tiefer!“. Das Spielchen würden wir so lange spielen, bis es sitzt. „Das kann ein langer Abend werden!“ Und so gingen Angst erfüllt knapp 600 Personen inklusive Werkleiter Frank Fischer und Oberbürgermeister Bernd Bornemann und weitere wichtige Honoratioren und Sponsoren brav immer und immer wieder in die Knie. Das Orchester verzog währenddessen keine Miene.

Als Entspannung folgte eine der größten Hymnen, „Jerusalem“ von Hubert Parry, das bei keiner Last Night und auch nicht bei einem Programm à la „Very British“ fehlen darf. Als letzter Punkt stand der Pomp and Circumstances March auf dem Programm, wobei wir uns aus Umweltgründen bewusst gegen die eigentlich dazu gehörenden Union Jack-Fähnchen entschieden haben, sehr zum Unmut unseres künstlerischen Leiters, der gerne ein Fähnchen schwenkendes, lauthals mitsingendes Publikum gehabt hätte. Das mit dem Mitsingen hat zumindest halbwegs geklappt. Wer sich nicht während des Konzertes getraut hat, wird es vermutlich im Anschluss noch vor sich hingesummt haben, blieb es zumindest uns allen noch lange im Ohr.
Es folgte tosender Applaus, der schließlich mit einer Zugabe belohnt wurde: Tico Tico, ein brasilianischer Tanz von Zequinha de Abreu mit Samba-Rhythmen und einem sichtlich entspannt tänzelnden Dirigenten Frank Beermann, der sich bei einem tollen Publikum bedankte. Unser Teepräsent von Thiele Tee passte heute doch besonders gut sowohl zum Programm als auch zum Wetter.

Das Publikum strömte nach Hause, auch die Musiker waren schnell in ihren beiden Bussen verschwunden. Zu Schichtanfang um 22:00 Uhr sollte alles (!) verschwunden sein, schließlich werden hier Autos gebaut. Alle packten mit an, stapelten die Stühle, entsorgten den Müll, bauten zusammen. Um viertel vor zehn rollten die LKW mit den Bühnenteilen und weiterer Technik vom Werksgelände. Schicht für uns – Schichtbeginn bei VW.

Wir bedanken uns ausdrücklich bei dem tollen Team vom Emder Volkswagen Werk um Ludger Abeln und Insa Beitelmann, Werkleiter Frank Fischer, dass wir doch 2015 schon wiederkommen durften, dem Förderer dieses Gezeitenkonzertes, Jakob Weets, der Nordwestdeutschen Philharmonie mit allen, die vor und hinter der Bühne dazu gehören, den fantastischen Solistinnen Anne Heinemann und Julia Bauer und natürlich Frank Beermann, der nicht nur schwungvoll dirigiert, sondern auch charmant moderiert hat.
Weil sie sonst nicht erwähnt werden, aber ganz entscheidend zum Gelingen dieses Gezeiten-Classixx beigetragen haben, danken wir auch unserem Bühnenbauer Dieter Schur und seinen Jungs und Astrid sowie Tamme Bockelmann, der im Gewusel unter erschwerten Bedingungen das Cembalo gestimmt hat und allen aus dem Team, dass sie Nerven behalten haben, und immer geduldig und freundlich geblieben sind. Auch den Haasen gilt unser Dank, dass sie den Regen mit Humor genommen haben. Die Künstler sind zumindest warm und trocken in den Genuss Eures Caterings gekommen. Und unserem Publikum gilt unser Dank dafür, dass es Verständnis für die geänderte Anfahrt hatte, die Warterei und den Regen ertragen hat und so zu einer gelungenen Premiere der Gezeiten-Classixx beigetragen hat.

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