Lange Nacht gehabt?

Einladender Landschaftsgarten bei der Langen Nacht, Foto: Karlheinz Krämer

Einladender Landschaftsgarten bei der Langen Nacht, Foto: Karlheinz Krämer

Allerdings.

Eigentlich will ich keinen Blogbeitrag schreiben: Wo fang ich an und wo hör ich auf? Meine erste „Lange Nacht“ (zumindest bei den Gezeiten) bedeutete gut sechs Stunden Musik und vor allem Spaß mit jungen Musikern. Moderator Ulf Brenken brachte es für mich gut auf den Punkt: „Suchen Sie mal ein Konzert mit dem Preis-Leistungsverhältnis in Hamburg!“

Zur Erklärung: Die Lange Nacht ist ein hauseigenes Gezeitenkonzert in der Ostfriesischen Landschaft. Dabei werden sowohl unser Forum als auch der Ständesaal zum Konzertraum umfunktioniert. Das Konzert besteht aus drei Teilen: Publikum hört Programm im Forum , Publikum hört Programm im Ständesaal, Programm nach Ansage im Forum. Dabei unterteilen wir die Zuschauer aufgrund der Menge in zwei Gruppen, die einen beginnen im Ständesaal und die anderen im Forum. Im dritten Teil kommen alle im Forum zusammen. Die Künstler springen dabei zwischen den Räumen. Ich schloss mich der Gruppe gelb als Zuhörer und Blätterer auf Abruf an. Letzteres kam ziemlich spontan und beim Blick ins Programm wurde mir etwas mulmig: Das hätte ich schon gerne geübt. Im Endeffekt war es halb so wild, ich hab vier Stücke geblättert. Dabei passierte nur ein Fehler, ich verrate aber nicht, wo. Wer es weiß kann sich ja bei mir melden.

Los ging es also im Forum unter der Moderation von Matthias Kirschnereit. Ich habe beide Moderatoren erlebt, es fällt auf, dass Matthias die Künstler kennt und Ulf die Stücke. Andersrum natürlich auch, aber die Moderationsschwerpunkte waren eindeutig. Zu den Stücken fehlten sämtliche Informationen im Programmheft. Wer schreibt die eigentlich?!

Johann Blanchard und Tamás Pálfalvi im Ständesaal, Foto: Karlheinz Krämer

Johann Blanchard und Tamás Pálfalvi im Ständesaal, Foto: Karlheinz Krämer

Trompeter Tamás Pálfalvi und Pianist Johann Blanchard gingen gleich zur Sache: Ein viersätziges Barockkonzert von Tomaso Albinoni. Sehr nett, gut zum Auftakt. Doch dafür wäre ich an Tamás´ Stelle nicht extra angereist. Wenn ich da geahnt hätte, was er im Ständesaal vor hat…
Nach dieser Einleitung ging es weiter mit der relativ unbekannten Komponisten Lera Auerbach (*1973) und ihrer Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 mit dem unheilvollen Beinamen „September 11“ aus dem Jahr 2001, aufgeführt von Violinist Sven Stucke und Pianist Johann Blanchard. Ich denke jeder weiß, was gemeint ist. Diese unheilvolle Musik war ziemlich schwer für beide und total bedrückend. Dazu die stehende heiße Luft im Forum, keine gute Kombination. Man hört nicht direkt Flugzeuge irgendwo einschlagen, aber manche Teile wirkten völlig panisch und konfus, andere fast apathisch. Das Feeling konnten sie auf jeden Fall rüberbringen und bekamen großen Applaus.

Anissa Baniahmad, Foto: Karlheinz Krämer

Anissa Baniahmad, Foto: Karlheinz Krämer

Schön war es, mit etwas heiterem weiterzumachen. Jacques Iberts „Deux Interludes“ für Flöte, Oboe und Klavier, gleichzeitig mein erster Einsatz. Die Pianisten waren tatsächlich die Hauptarbeiter des Abends, denn sie mussten am meisten spielen, zwei von ihnen sogar Soli, doch dazu später mehr. Erstmal saß ich neben Magdalena Müllerperth am Klavier, die zusammen mit Anissa Baniahmad (Flöte) und Johanna Stier (Oboe) das impressionistische Stück interpretierte. Als Blätterer hört man hauptsächlich das Klavier und konzentriert sich auch darauf, deshalb kann ich zur Musik insgesamt eigentlich gar nicht so viel sagen. Nur soviel: Pianisten werden immer unterschätzt, was von außen so leicht klingt, kann ziemlich hakelig sein, wenn man das Notenbild dazu liest. Zumindest für das Verständnis hat das Blättern, also quasi Musik hören mit Notenvorlage einen ungeheuren Mehrwert, denn man bekommt musikalische Besonderheiten wie Taktwechsel oder Modulation viel bewusster mit. Auch hier viel Applaus.

Ensemble Nobiles im Landschaftsforum

Ensemble Nobiles im Landschaftsforum, Foto: Karlheinz Krämer

Weiter ging es mit Saint-Saëns´ Sonate für Oboe und Klavier, gleiche Besetzung ohne Flöte. Wieder sehr schön und virtuos, im Schlusssatz Molto Allegro hatte ich Magdalena einmal wegen kurzer Unaufmerksamkeit im Sechzehntel-Gewimmel verloren.  Und ich kann ihnen sagen: Dann kommt man auch in einem kalten Raum ordentlich ins Schwitzen. Doch alles ging gut, in einer Kadenz hatte ich sie dann schnell wieder. Großer Applaus auch hier, die Künstler flitzten zum Ständesaal. Auf dem Weg von da muss ihnen das Ensemble Nobiles entgegengekommen sein, die jetzt im Forum mit geistlicher Musik dran waren. Auch das war sehr gut, sie sangen fein aufeinander abgestimmt und sehr sauber. Doch das Forum ist für Gesang einfach nicht gemacht, die Akustik ist da einfach mies. So blieb das Stück ein wenig unter Wirkung. Trotzdem lang anhaltender Applaus, das Ensemble ist einfach klasse. Sie machen das nicht mal hauptberuflich, wie mir Bass Lucas Heller später am Abend verriet. Respekt!

Rie Koyama, Foto: Karlheinz Krämer

Rie Koyama, Foto: Karlheinz Krämer

Den folgenden Brahms von Rie Koyama und Nicolai Gerassimez genoss ich von draußen, mir stieg die Hitze auch ein wenig zu Kopf. Ich habe aber anscheinend einen Höhepunkt verpasst.
Meine gelbe Gruppe möchte ich zu ihrer Wahl beglückwünschen, denn die folgende zweite Hälfte gefiel mir etwas besser, also eine Steigerung. Das mag daran liegen, dass es auch Soli gab und einige Künstler noch eine virtuose Schippe draufgelegt haben. Los ging es mit den gleichen Künstlern wie beim Forum-Abschluss, diesmal mit einer Saint-Saëns- Sonate. Ich hatte zu blättern. Aus dem Augen-und Ohrenwinkel bekam ich mit, dass Rie aus dem Instrument Höhen rausholte, die ich diesem langen Rohr bisher gar nicht zugetraut hatte. Mit dem Brahms im Rücken war es schon eine Hürde, das Publikum noch einmal so zu beeindrucken, es gelang ihnen aber mit Bravour.

Großen Begrüßungsbeifall bekamen unsere  Sänger, dieses  Mal mit einem weltlichen  Programm aus Leipzig von bekannten Komponisten wie Max Reger oder Felix Mendelssohn-Bartholdy, aber auch gänzlich unbekannten Komponisten wie Wenzel Heinrich Veit. Den musste sogar Ulf nachgucken, und das will was heißen. Ein so humoristisches Talent hätte ich bei den dreien gar nicht vermutet, immer wieder wurden die Gesänge von lauten Lachern unterbrochen. Es war alles dabei, vom summenden Käfer bis zum Sächseln. Ich freue mich schon, das heute Abend nochmal zu hören. Lauter Applaus und Gejubel waren der Dank und auf den Hinweis, dass ja noch andere musizieren müssten und sie darum nun von der Bühne träten folgte ein enttäuschtes „ooooooooh“ aus dem Publikum. Ein Traumeinstieg für Tamás und Johann, die ein Stück von George Enescu zu Gehör brachten. Légende hieß es, legendär war es auch, was uns der Trompeter hier zeigte. Ein unglaublicher Tonumfang und zahlreiche glissandoartige Läufe (Ulf klärte mich gerade auf), manchmal klang es fast nach Jazz. Ich weiß nichts über Trompete, außer dass es unglaublich schwer ist. Tosender Beifall war die Belohnung.

Sven Stucke, Foto: Karlheinz Krämer

Sven Stucke, Foto: Karlheinz Krämer

Es folgte das erste Solo des Abends, von dem Pianist Johann heute morgen noch gar nichts wusste. Der ist mal mutig, aber auch genial, denn er spielte perfekt ein nicht eben einfaches Stück von Cécile Chaminade, „Les sylvains“, was so viel bedeutet  wie Waldjunge. Hätte ich jetzt nicht unbedingt als erstes gedacht. Auch Johann musste mehrfach auf- und abgehen, bis das Publikum zufrieden war. Dabei hatte er noch zu tun, gemeinsam mit Geiger Sven Stucke interpretierte er die Carmen-Fantasie von Hubay. Darauf hatte ich insgeheim die ganze Zeit gewartet, denn das ist eins der höchsten Stücke im Schaffen eines Geigers. Ich, absoluter Amateur und meine Blätterkollegin Janne (Schulmusik an der HMT Leipzig, Hauptfach Geige) waren uns darin schnell einig. Sven nutzte sehr viele sogenannte „komplizierte Spieltechniken“, wie zum Beispiel Doppel-oder Dreifachgriffe und Flageolett. Es war einfach phänomenal den beiden zuzuhören und zuzusehen, denn Sven ist auch so ein virtuoser Typ, dem seine langen Haare beim Spielen öfter mal im Gesicht hängen. Die Themen waren allesamt bekannt, aber Hubay machte teilweise etwas ganz neues daraus. Den Beinamen „brillante“ trägt das Stück auf jeden Fall zu Recht.

Magdalena Müllerperth bei der Verbeugung, Foto: Karlheinz Krämer

Magdalena Müllerperth bei der Verbeugung, Foto: Karlheinz Krämer

Hochvirtuos ging es mit Magdalena am Klavier weiter, „Jeux d´Eau“ (Spiel des Wassers) von Ravel, was laut Ulf musikhistorisch hoch bedeutsam ist, da es Elemente von Liszt bis hin zu neuen Musik vereint. Der Flügel ist dafür gar nicht genug, denn eine donnernde Abwärtskaskade durch gis endet beim a. Macht musikalisch keinen Sinn, da den Halbton hochzugehen, aber der Flügel ist nach unten zu Ende. Ulf hat es vorgespielt, zumindest die Oktaven. Nach unten hin klingt es einfach nur tief.
Hinreißend war, was Magdalena mit den Tasten zauberte. Dabei hätte ich ihr echt gerne auf die Hände geschaut. Gewaltiger Klang war im Wechsel mit eleganter Leichtigkeit. Ich kannte das Stück nicht, so etwas Schönes so passioniert vorgetragen habe ich selten gehört. Für mich war es der Höhepunkt des Abends.

Der vorgeplante Part des Abends endete mit Schuberts Flötenvariationen in e-Moll. Noch ganz berührt von Ravel musste ich wieder blättern, ich hoffe, dass es für Magdalena nicht zu schlimm war. Doch auch Flötistin Anissa darf nicht zu kurz kommen, denn auch sie spielt wunderschön. Lauter Jubel beendete das Konzert.

Tamás Pálfalvi bläst zum letzten Akt, Foto: Karlheinz Krämer

Tamás Pálfalvi bläst zum letzten Akt, Foto: Karlheinz Krämer

Was im dritten Part passierte, kann ich nur schwer beschreiben. Wer von Ihnen mal bei einer Langen Nacht dabei war, wird wissen, was ich meine. Eingeleitet wurde es mit einem Open-air-Solo an der Trompete von Tamás, wie eine Eröffnungsfanfare. Alle begaben sich ins Forum, was danach brechend voll war. Es war wie bei einer Jam-Session, auf einmal sprangen Künstler auf die Bühne und spielten etwas alternativeres. Wir hatten Filmmusik, Variationen über „Mein Hut, der hat drei Ecken“, etwas schmalzigen Gesang, verschiedene Klavieretüden, eine Improvisation….
Besonders in Erinnerung blieb Tamás Trompetensolo, was die Trompete und seine Stimme an ihre Grenzen brachte. Das kann ich hier gar nicht beschreiben. Das Stück ging über vier ganze Notenständer, zwischendurch wurde die Trompete umgebaut, man muss es sich eigentlich mal anhören. Bis morgen weiß ich, wie es heißt!

Nach sechs Stunden Musik endete der Abend schließlich mit Gesang. Geschenke wurden an alle 13 Künstler übergeben, die Bühne war übervoll. Ich möchte mich einfach bedanken bei allen, die mir ein Konzert bescherten, was ich so noch nie erlebt habe und was man sonst wohl nirgends so findet. Für uns ging es bis in die Nacht beim Griechen mit dem einen oder anderen dezenten Hefegetränk weiter. Trotzdem freuen wir uns alle auf heute Abend! Damit endet dann auch der mit Abstand längste Blogbeitrag, den ich je geschrieben habe.

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