Nächster Halt: Routenzugbahnhof

Gezeiten-Classixx im VW-Werk Emden

Gezeiten-Classixx mit dem Warschauer Symphonie-Orchester im Routenzugbahnhof des VW Werks Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Gezeiten-Classixx mit dem Warschauer Symphonie-Orchester im Routenzugbahnhof des VW Werks Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Sicherheitskontrollen, Werkschutz, eine vergleichsweise schmale Einlasstür für 660 Menschen – wir sind im Volkswagen Werk Emden, und trotzdem fast pünktlich um 17:00 Uhr beginnt das Konzert Nr. 20 der diesjährigen Gezeitenkonzerte, die ausverkauften Gezeiten-Classixx, nach dem Abschlusskonzert in Bunderhee unsere zweitgrößte Veranstaltung. Eine riesige Halle, in der bei sinnfreier Komplettbestuhlung geschätzt sicher dreitausend Menschen Platz gehabt hätten, wurde von uns nach 2015 erneut als Konzertraum verwendet, diesmal aus akustischen Gründen jedoch um 90° Grad versetzt. In der werktags als Routenzugbahnhof genutzten Halle gab es folglich Stuhlreihen links und rechts etwas versetzt sowie mittig zur Bühne, wobei mein Hörtest während der Probe am frühen Nachmittag keine besonders gravierenden Unterschiede erkennen ließen. In der Mitte hörte man aber logischerweise am besten.

Ludwig Hartmann und Tadeusz Wicherek, Foto: Karlheinz Krämer

Ludwig Hartmann und Tadeusz Wicherek, Foto: Karlheinz Krämer

Aber hier ging es auch um den Event-Charakter der Veranstaltung, und daher traten auf: das Warschauer Symphonie-Orchester unter der Leitung von Tadeusz Wicherek, unser künstlerischer Leiter Matthias Kirschnereit, in der ostfriesischen Festivalzeit fast nur noch nebenberuflich Pianist, als Solist, und – eine für mich besondere Geschichte, wenn man zwei Tage lang zuvor die beiden Langen Nächte mit moderieren durfte – Ludwig Hartmann, bekannt von NDR Kultur, als Moderator der diesjährigen Gezeiten-Classixx.

Ludwig Hartmann erzählte frei formulierte, unterhaltsame kleine Geschichten zu den manchmal eher unbekannten Komponisten des Programms (Stanisław Moniuszko, Edward Elgar) oder weniger bekannte Anekdoten bei bekannteren Namen (Georg Friedrich Händel). Man mochte ihm gern zuhören, vor allem, nachdem er sich bereits zum Ende des ersten Teils aufgrund der fortgeschrittenen Zeit ein wenig kürzer fasste.

Andächtig lauschen konnte man auch den 45 Musikern aus Polen. Deren Herzensangelegenheit war es, auch Musik eben jenes Moniuszko zu spielen, dem bedeutendsten Komponisten ihres Heimatlandes. Daher standen von ihm gleich zwei Stücke auf dem Programm. „Dazwischen“ gab es Musik von Tomaso Albinoni, Händel, Elgar und Pietro Mascagni. (Hätte Hilko Engberts an geeigneter Stelle „’L’amico Fritz‘ und ‚Guglielmo Ratcliff’“ in Richtung Bühne gerufen, wäre er jetzt um zwei CDs reicher …) An die seltsame Akustik mit kirchenähnlichen Nachhallzeiten gewöhnte ich mich schnell und empfand sie auch nicht als störend.

Matthias Kirschnereit und das Warschauer Symphonie-Orchester unter Leitung von Tadeusz Wicherek mit der Rhapsody in Blue

Matthias Kirschnereit und das Warschauer Symphonie-Orchester unter Leitung von Tadeusz Wicherek mit der Rhapsody in Blue

Dann kam das Stück, das ich am Vormittag im Landschaftsforum beim Aufräumen nach den zweitägigen Langen Nächte schon gründlich kennenlernen durfte, obwohl ich es sowieso schon kenne, was das Hörvergnügen nicht zwingend erhöht. Der den Forum-Stuhlabbau musikalisch untermalende, angeblich übende Pianist M. K. war gefühlt stundenlang nicht in der Lage, andere „Begleitmusik“ anzubieten als das, was jetzt ohnehin mit Orchester zu hören war: George Gershwins „Rhapsody in Blue“. Ein rundum geglücktes Unterfangen – der tosende Beifall des Emder Publikums führte zur gemeinsamen Zugabe von Orchester und Solisten, „Chariots of Fire“ von Vangelis, die den ersten Teil nach fast zwei Stunden abschloss und die Musik der zweiten Konzerthälfte bereits einleitete.

Läuft alles? Matthias Kirschnereit verschafft sich einen Überblick.

Läuft alles? Matthias Kirschnereit verschafft sich einen Überblick.

Die Pause verlief, soweit mir bekannt, ohne Tumulte, obwohl die Rahmenbedingungen in einer Werkshalle nicht annähernd so publikumsfreundlich sein können, wie in einem Konzertsaal oder dem zukünftigen Hamburger Wunderwerk, der Elbphilharmonie. Und der kurzweilige(re) zweite Teil der Gezeiten-Classixx, eine Mischung aus Swing (Duke Ellington, Glenn Miller – was für tolle Musik!), Musical („Das Phantom der Oper“ von Andrew Lloyd Webber) und Filmmusik („Der Fluch der Karibik“ von Klaus Badelt), verging wie im Fluge. Für die Präsentation von Ronan Hardimans „Lord of the Dance“ hat sich Tadeusz Wicherek hoffentlich eine Schumacherdienstleistungspauschale in seinen Arbeitsvertrag schreiben lassen, so heftig stampfte er an den entsprechenden Stellen der Musik mit seinen Absätzen aufs Dirigentenpodium. Und ganz zum Schluss spielten die Warschauer noch ein kurzes Medley von „Star Trek“- bis „Star Wars“-Melodien. Die Halle tobte.

Ludwig Hartmann überzeugte Musiker und Publikum trotz vorgerückter Stunde (es war bereits halb neun) genau eine Zugabe zu spielen. Also erklang der Titel „So long“ von Abba, ein mitreißendes Stück Rock ’n Roll. Standing Ovations, zügiges Verlassen der Halle, Feierabend für die Besucher, erneutes Stühlezusammenstellen für alle mit dem schwarzen T-Shirt.

Von Emden nach Hamburg ging es diesmal im Auto zurück, was sich glücklicherweise in der Konzertpause arrangieren ließ. Der letzte Zug Richtung Bremen fährt hier um 21:15 Uhr, das ist mehr als vier Stunden nach Konzertbeginn. Aber selbst das wäre an diesem ereignisreichen Tag nicht zu schaffen gewesen.

Passend zur Rhapsody in Blue war Pianist Matthias Kirschnereit von Kopf bis Fuß überwiegend blau gekleidet. Foto: Karlheinz Krämer

Passend zur Rhapsody in Blue war Pianist Matthias Kirschnereit von Kopf bis Fuß überwiegend blau gekleidet. Foto: Karlheinz Krämer

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