Ostfriesische Trilogie – Morgenstern Trio

Erster Tag: Einatmen in Bargebur

Kirche Bargebur mit Publikum vor Beginn des Gezeitenkonzertes, Foto: Karlheinz Krämer

Kirche Bargebur mit Publikum vor Beginn des Gezeitenkonzertes, Foto: Karlheinz Krämer

(Der) Norden blüht auf: In der Kirche zu Bargebur fand das drittletzte Gezeitenkonzert der Ostfriesischen Landschaft der diesjährigen, vierten Saison statt. Für mich fast schon Grund genug, ein verlängertes Ostfriesland-Wochenende erleben zu wollen und aus Hamburg mal wieder vorbeizuschauen. Dabei folgen noch Rihm in Leer und das Schlusskonzert in Bunderhee – aber davon später, wenn es soweit ist.

Bei späthochsommerlichem Wetter ohne Regen fanden sich 200 Zuhörer in der ausverkauften Kirche von Norden-Bargebur, gut dreihundert Jahre alt und damit älter als alle Kompositionen, die dann in ihrem schlicht-schönen Innenraum erklingen sollten. Interpreten waren es derer drei, nämlich das preisgekrönte Morgenstern Trio: Stefan Hempel (Violine), Emanuel Wehse (Violoncello) und Catherine Klipfel (Klavier). Kurze einleitende Worte des Landschaftsrates Helmut Markus gingen voraus, dann begann die Musik.

Morgenstern Trio, Foto: Karlheinz Krämer

Morgenstern Trio, Foto: Karlheinz Krämer

Das erste Stück, Joseph Haydns siebenundzwanzigstes Klaviertrio (von 1797), kam vom ersten Ton an so mitreißend daher, dass selbst ein kammermusikaffines Publikum wie in Bargebur schon nach dem ersten Satz spontan in Beifall ausbrach. Die drei Musiker gaben später aber auch zu, dass der Schluss des Poco allegretto beinahe dazu einlädt, man zudem ja früher, zu Haydns Zeit, ganz andere Aufführungs- und Hörgewohnheiten kannte, und lobten (wie eigentlich alle Künstler, die hier bisher schon gespielt haben) Aufmerksamkeit und Begeisterungsfähigkeit des Gezeitenkonzert-Publikums.

Als nächstes erklang Robert Schumanns Klaviertrio Nr. 1 (von 1847), dass der komponierende Ehemann seiner Frau Clara, führende Pianistin ihrer Zeit, zum Geburtstag schenkte. Vier spannende Sätze mit deutschen Satzbezeichnungen („Mit Energie und Leidenschaft“, „Lebhaft, doch nicht zu rasch“, „Langsam, mit inniger Empfindung“ und dann – attacca – „Mit Feuer“) ließen Interpreten und Publikum näher zusammenrücken, so dass so etwas wie ein gemeinsamer Musikgenuss zu spüren war. Rasantes Schumann-Finale in Bargebur, Wiedereinatmen nicht vergessen!

In der Pause ergab sich eigentlich nur ein weiterer Fakt: Ja, der Tonmeister hat Recht, Schubert statt Schumann ist wohl die bessere Wahl für die geplante Vinyl-Ausgabe – wegen der Spieldauer, meine Herren… Außerdem darf Jannes erfolgreiche Premiere links vom Flügel nicht unerwähnt bleiben!

Was für ein Publikum: ein glückliches Morgenstern Trio freut sich über den tosenden Applaus, Foto: Karlheinz Krämer

Was für ein Publikum: ein glückliches Morgenstern Trio freut sich über den tosenden Applaus, Foto: Karlheinz Krämer

Im zweiten Teil des Klaviertrio-Abends spielte das Morgenstern Trio spätromantische Musik des Franzosen Ernest Chausson (von 1881), sein von seinem Lehrer César Franck beeinflusstes Opus 3. Das ebenso viersätzige Stück ist auf Themenmaterial aufgebaut, das bereits in der langsamen Einleitung zum ersten Satz erklingt und dann mehr oder weniger deutlich alle weiteren Themen der folgenden Sätze beeinflusst. Eine spannende Entdeckung, von der die Pianistin Catherine Klipfel aber sagte, dass das Chausson-Klaviertrio in Frankreich logischerweise etwas häufiger aufgeführt wird.

Großer Applaus, Getrampel und teilweise Standing Ovations legten es den drei Musikern nahe, eine Zugabe zu spielen. Es gab des wunderschönen, langsamen Satz aus dem Klaviertrio von Germaine Tailleferre, das von der französischen Komponistin (1892-1983, bekannt aus dem Kreis der „Groupe de Six“ um Francis Poulenc) ungefährt 1916 begonnen, aber erst 1978 (!) beendet wurde. Mit einem abschließenden Septakkord entließ uns das Morgenstern Trio in die Nacht.

"Sich einspielen kann man überall!", dachte sich offensichtlich Emanuel Wehse - Foto: Karlheinz Krämer

„Sich einspielen kann man überall!“, dachte sich offensichtlich Emanuel Wehse – Foto: Karlheinz Krämer

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