Ostfriesische Waldszenen op. 1

Posaunen im Wald? | Foto: Karlheinz Krämer

Posaunen im Wald? | Foto: Karlheinz Krämer

Irgendwo singt ein Vogel. Der Wind rauscht leicht durch die hohen Bäume. Der Wald atmet. Biegt man, von Aurich kommend, in Hesel links ab, ist man bald im Heseler Wald. Ein typischer, breiter Forstweg lässt dort Platz für Fahrzeuge, doch ansonsten ist hier alles typisch Wald. Zwei schmale Pfade führen in den Wald hinein. Nach wenigen Metern ist man mitten in der Natur, wo die Sonne von den grünen Blättern gebrochen wird und das Smartphone überflüssig ist. Plötzlich ertönt ein Röhren in der Ferne. Gibt es etwa Hirsche in Ostfriesland?! Begibt man sich weiter in den Wald hinein, wird das Geräusch klarer. Anmutig trägt der Wind es über die Sandhügel und Lichtungen. Ein klarer und vibrierender Ton schallt durch den Wald. Je näher man dem Ton kommt, desto eindeutiger wird er, bis er sich plötzlich verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht, ja, man kommt gar nicht mit dem Zählen hinterher, so vielstimmig klingt die Luft.


Wer am Sonntag nichtsahnend seinen Spaziergang durch den Heseler Wald machte, den konnte ungefähr dieses Erstaunen ergreifen. Posaunen im Wald? Ja, der Besucher hatte richtig gehört. Dank des guten Wetters klappte das Open-Air-Experiment der Gezeitenkonzerte der Ostfriesischen Landschaft, die die Trombone Unit Hannover, ein Posaunenoktett, zur Wüstung Kloster Barthe im Heseler Wald eingeladen hatten.

Streifzug vor dem Gezeitenkonzert: Dr. Rolf Bärenfänger führt über die Wüstung Kloster Barthe, Foto: Karlheinz Krämer

Streifzug vor dem Gezeitenkonzert: Dr. Rolf Bärenfänger führt über die Wüstung Kloster Barthe, Foto: Karlheinz Krämer

Die Geschichte dieses Konzertes beginnt eigentlich im Jahr 1988. Dann nämlich begannen die archäologischen Ausgrabungen der Ostfriesischen Landschaft. Im Vorfeld des Konzertes entführte Landschaftsdirektor Dr. Rolf Bärenfänger bereits über 25 Interessierte beim Streifzug in die mittelalterliche Klosterwelt und berichtete über die Ausgrabungen und die Entwicklung der Klosteranlage. Kloster Barthe war ein Konvent des Prämonstratenser Ordens, zwischen 1170 und 1184 gegründet. Nach der Reformation wurde es allmählich aufgelöst, bis die Kirche 1631 eingerissen wurde. Erst die Ausgrabungen ermöglichten Einsichten in den Grundriss des Klosters und die Lebensbedingungen der Mönche, von denen ein Großteil weiblich gewesen sein muss (die wissenschaftlichen Ergebnisse lassen sich in zahlreichen Veröffentlichungen nachlesen. Tipp: einfach mal die Landschaftsbibliothek besuchen!)

Bewusst einfach gehalten (auch im Gegensatz zum Kloster Ihlow), ist der Ort heute ein Platz der Kontemplation. 2012 wurden Buchenhecken gepflanzt, um die verschiedenen Gebäude anzuzeigen. Ein paar Info-Tafeln ergänzen den Anblick. Ansonsten ist die Wüstung Kloster Barthe ein quasi post-sakraler Ort der Einkehr und des Innehaltens.

Trombone Unit Hannover, Foto: Karlheinz Krämer

Trombone Unit Hannover, Foto: Karlheinz Krämer

Vor diesem Gezeitenkonzert wurde etwas weniger innegehalten, denn es war eine logistische Herausforderung, Bühne, Bänke, Catering, Toilettenwagen, Künstlerbetreuung, Tageskasse und ähnliches im Wald aufzubauen. Doch spätestens, als die ersten Klänge der acht Posaunen ertönten, war schon klar, dass hier etwas einzigartiges passierte. Die Trombone Unit hatte sich gut auf den Wald vorbereitet und betonte in ihrer Moderation, dass auch für sie dieses Konzert absolut einzigartig sei. Zu Beginn spielten sie vier kurze Stücke (u. a. Französische Tänze von Michael Prätorius). Dazu versammelten sich die acht Musiker an unterschiedlichen Positionen im Wald und spielten quasi um das Kirchenschiff herum, in dem die Besucher saßen. Das Ergebnis war so simpel wie atemberaubend. Von allen Seiten kam Musik, die den offenen Raum erfüllte, wie es in keiner Philharmonie dieser Welt möglich sein kann.

Tomer Maschkowski von der Trombone Unit, Foto: Karlheinz Krämer

Tomer Maschkowski von der Trombone Unit, Foto: Karlheinz Krämer

Lars Karlin, der geniale Arrangeur des Oktetts, hatte sich völlig unterschiedliche Stücke ausgesucht für diese ungewöhnliche Kombination von acht Posaunen. Über die Schwierigkeit der Stücke konnte man in den launigen Moderationen erfahren, ebenso wie über den Hintergrund und die Entstehung des Ensembles. Es ließe sich auch noch viel zu den verschiedenen Stücken sagen, doch weil ich eh schon hoffnungslos überziehe, muss nur eines angesprochen werden. Eine Improvisation über ein Thema von Hildegard von Bingen. Auch dafür verteilten sich die acht Musiker wieder im Wald und arrangierten die gregorianische Musik. Abwechselnd erklang das sakrale Thema, immer wieder leicht verändert und steigerte sich ganz langsam von einem fernen piano zum erhabenen Forte. Über Blickkontakt (man war ja über 20 Meter voneinander entfernt) erfolgten die Einsätze. Man konnte spüren, wie alle Zuhörer den Atem anhielten und über 240 Menschen im Wald völlig eins waren in der Musik, dem Augenblick und völliger Versunkenheit (wie es die vita contemplativa von Hildegard von Bingen ja auch vormachte).

Da dachte ich an Thoreau und sein berühmtes Kapitel über die Töne im Wald. Und weil ich heute doppelt und dreifach überziehe, lesen Sie doch einfach mal diesen Auszug aus „Walden“ aus dem Jahr 1854, der sich meiner Meinung nach perfekt auf die Stimmung des Gezeitenkonzertes im Heseler Wald übertragen lässt:

„Manchmal sonntags hörte ich die Glocken von Lincoln, Acton oder Concord – wenn der Wind von daher wehte –, eine zarte, süße, sozusagen natürliche Melodie, die würdig war, hier in die Einsamkeit verbracht zu werden. Bei genügender Entfernung und Höhe über den Wäldern erhält dieser Ton einen gewissen vibrierenden Klang, als ob die Tannennadeln am Horizont Saiten einer Harfe wären, über die er hinweggleitet. Jeder Ton erzeugt, in der größtmöglichen Entfernung vernommen, die gleiche Wirkung, ein Mitschwingen der Lyra des Weltalls, gerade wie die davorliegende Atmosphäre einen fernen Bergkamm durch den blauen Hauch, den sie darüber breitet, unsern Augen anziehend macht. Zu mir drang dann eine Melodie, die von der Luft geboren schien und mit jedem Blatt, mit jeder Nadel im Walde Zwiesprache gepflogen hatte, jener Teil des Klanges, den die Elemente aufgenommen, umgeformt und im Echo von Tal zu Tal getragen hatten.“ (Henry David Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern. Kapitel über die Töne).

Trombone Unit Hannover beim Gezeitenkonzert im Heseler Wald, Foto: Karlheinz Krämer

Trombone Unit Hannover beim Gezeitenkonzert im Heseler Wald, Foto: Karlheinz Krämer

Dieses Konzert hat gezeigt: ein bisschen Wagnis ist gar nicht so schlecht. Und wenn viele Beteiligte (wie die Gemeinde Hesel, Bürgermeister und Revierförster Gerd Dählmann, die Sponsoren der Raiffeisenbank Hesel, die vielen Mitarbeiter der Gezeiten, von Catering bis Bühnentechnik und und…) sich für so ein Projekt einsetzen, dann darf auch das Glück mitspielen und die Sonne scheinen. So wurden wir alle belohnt mit einem Konzert, das nach zwei Zugaben beseelte Menschen zurückließ. Wie heißt es so schön im literarischen Motto zu „Abschied“ aus Robert Schumanns Waldszenen op. 82:

„Leise dringt der Schatten weiter,
Abendhauch schon weht durch’s Thal,
Ferne Höhn nur grüßen heiter
Noch den letzten Sonnenstrahl.“
(G. Pfarrius)

Der "Berg" im Heseler Wald lud zum Erklimmen schwindelnder Höhen ein, Foto: Karlheinz Krämer

Der „Berg“ im Heseler Wald lud zum Erklimmen schwindelnder Höhen ein, Foto: Karlheinz Krämer

 

 

2 Gedanken zu „Ostfriesische Waldszenen op. 1

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