Short Ride in a Fast Machine

Das Abschlusskonzert mit der JPON in Bunderhee

Prélude

Zur Einstimmung auf das Gezeitenkonzert gab es für die JPON erst einmal PIZZA! Foto: Karlheinz Krämer

Zur Einstimmung auf das Gezeitenkonzert gab es für die JPON erst einmal PIZZA! Foto: Karlheinz Krämer

Alles ist einige Nummern größer: Der Weg vom ersten Kartencheck bis zur Konzert-Reithalle – mehrere hundert Meter. Das Interesse am Streifzug um 14:30 Uhr (Gestütsführung mit Präsentation Friesenpferde) – 120 Menschen. Zahlenmäßig etwa ebenso viele wie Mitglieder des Jungen Philharmonischen Orchesters Niedersachsen (JPON). Anzahl der vom Orchester bestellten und in mehreren unhandlichen Kartons vom Pizzaservice angelieferten großen Mafiatorten für das JPON nach der Einspielprobe – schätzungsweise 40. Zuhörer des Abschlusskonzertes in Bunderhee um 17:00 Uhr – knapp 1.400 = neuer Besucherrekord für eine Einzelveranstaltung der Gezeitenkonzerte!

Streifzug mit Friesenpferden, Foto: Karlheinz Krämer

Streifzug mit Friesenpferden, Foto: Karlheinz Krämer

Wir sind nach 2015 zum zweiten Mal zu Gast auf dem Polderhof, dem Friesenpferdegestüt von Helmuth Brümmer. Er ist der beeindruckendste Sponsor, den ich kenne – möglicherweise nicht nur in Ostfriesland. Seine Reithalle (ca. 65 mal 25 Meter) wurde komplett mit Holzboden ausgelegt, am Kopfende eine leicht ansteigende Bühne errichtet, der Rest mit rund 1.400 Stühlen in 37 Reihen vollgestellt. Im Außenbereich gab es Platz für Gastronomieangebote und weitere Stände für den Kartenverkauf, unseren Freundeskreis und die JPON. In den Räumen hinter der Bühne tummelten sich Techniker, Betreuer und alle Musiker – ein faszinierendes Bienenhaus voll engagierter Menschen. Wie immer zahlenmäßig unterlegen, diesmal besonders krass, das kleine Organisationsteam der Gezeitenkonzerte, das eine gut dreistellige Publikumszahl aus Erfahrung gut im Griff hat, aber bei knapp vierstellig doch hoffte, dass nichts Unvorhergesehenes passieren möge.

Und es ging alles glatt. Die öffentliche Vorführung der Friesenpferde neben der Konzert-Reithalle nahm zwar etwas mehr Zeit in Anspruch, so dass sich der Einlass aller Konzertbesucher ein wenig verzögerte. Kein großes Thema, denn mit nur gut zehn Minuten Verspätung hielt Landschaftspräsiden Rico Mecklenburg seine Dankesrede. Unser künstlerischer Leiter Matthias Kirschnereit schloss sich an und sagte noch ein paar einleitende Sätze zur Musik, obwohl Debussys „La Mer“ keine sinfonische Dichtung ist.

Concert

Die JPON unter der Leitung von Andreas Schüller

Die JPON unter der Leitung von Andreas Schüller

Das JPON begann das diesjährige Abschlusskonzert der Gezeitenkonzerte, die unter dem Motto „SommerNachtsTraum“ standen, stilvoll mit Felix Mendelssohn Bartholdys
gleichnamiger Konzert-Ouvertüre von 1826. Wahrscheinlich hat es in jenem Sommer deutlich weniger geregnet als 2016, denn die angenehme Atmosphäre des nächtlichen Shakespeare-Waldes wird in der Musik klanglich sehr gekonnt beschworen. Dem Orchester unter der Leitung seines langjährigen Dirigenten Andreas Schüller gelang wie mühelos eine tonmalerische Mischung aus geheimnisvollen Bläserakkorden, romantischem Streichergemurmel und festlichen Ausbrüchen. Großer Beifall.

"Das ist Euer Applaus", scheint Andreas Schüller sagen zu wollen.

„Das ist Euer Applaus“, scheint Andreas Schüller sagen zu wollen.

„La Mer“ von Claude Debussy, dieses unglaubliche Meisterwerk von 1905, stand als nächstes auf dem Programm. Auf diese Live-Musik habe ich mich gefreut, seit ich das diesjährige Festivalprogramm kenne – und auch im Programmhefttext lässt sich meine Begeisterung mühelos herauslesen … Das Orchester spielte in teilweise veränderter Besetzung, damit möglichst viele der jungen Musiker möglichst viele Spielanteile bekommen konnten. Erst beim Abschlussstück wurden ja alle 120 gebraucht … Und so erklang tatsächlich das zentrale französische Orchesterwerk des musikalischen Impressionismus in der zum Konzertsaal umgebauten Reithalle im ostfriesischen Bunderhee! Das JPON entlockte den Noten viele der oft diffizilen Feinheiten, denn Debussys Musik lässt wenig motivisch-thematische Arbeit offensichtlich werden, sondern ist vor allem klanglich meisterhaft gestaltete Musik. Dass auch die technischen Klippen sauber umschifft wurden und keine nennenswerten Patzer zu hören waren, hat mich bei diesem schweren Stück besonders gefreut. Sehr großer Beifall.

In der Pause traf ich dann meine Hamburger Freunde Hasko und Bernd, die mich dankenswerterweise nach Konzertschluss wieder mit nach Hause nehmen würden. Deren fast noch pünktliche Autoanreise wäre beinahe an unnachvollziehbaren einspurigen Sonntagsbaustellen Höhe Bremen gescheitert, aber Haskos PKW ist offenbar nicht tempogedrosselt, wenn die Tachonadel scheinbar am Anschlag ist … Die beiden profitierten von der kleinen Verspätung, mit der das Abschlusskonzert begonnen hatte, und kamen so noch in den Genuss aller Ansprachen.

Viel Blech kam - wunderbar - zum Einsatz.

Viel Blech kam – wunderbar – zum Einsatz.

Das Hauptstück des JPON in diesem Sommer war „Der ‚Ring‘ ohne Worte“, ein vom Dirigenten Lorin Maazel 1986 zusammengestellter Querschnitt durch die Orchestermusik der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner (UA Bayreuth 1876). Mein Verdacht: Die Schallplattenfirma Telarc ließ Maazel damals freie Hand, um eine Art chronolgischen Potpourri durch die vier „Ring“-Opern zu gestalten. Offensichtliche Bedingung: Das Ganze muss auf eine CD passen – das seinerzeit neue Medium, mit begrenzter Spieldauer. Wie kaum mehr zufällig dauert der bei Maazel in zwanzig Tracks aufgeteilte „Ring ohne Worte“ tatsächlich 72 Minuten … Es beginnt in den Es-Dur-Tiefen des Rheines („Das Rheingold“), später hört man den „Walkürenritt“, „Wotans Abschied und Feuerzauber“, das „Waldweben“ („Siegfried“) und – etwa eine Hälfte der Gesamtspieldauer einnehmend – Musik aus der „Götterdämmerung“, darunter „Siegfrieds Rheinfahrt“, seinen Tod und den „Trauermarsch“, schließlich das Ende der Götter, Walhalls Zerstörung und Brünnhildes Erlösungstod in Des-Dur. Über die Zusammenstellung lässt sich trefflich diskutieren, denn einige Passagen wirken überflüssig, andere scheinen zu fehlen. (Mir fehlte vor allem das starke Vorspiel zum dritten Aufzug des „Siegfried“.) Das JPON trat mit voller Kapelle an (angefangen bei zehn Kontrabässen etc.) und hatte auch die geforderten neun Amboss-Spieler für die Zwergenschmiede des „Rheingold“ dabei. Das Publikum war schwer beeindruckt.

Hinter den Kulissen: Das Filmteam und Ulf Brenken, der aufpasste, dass die entsprechenden Untertitelungen rechtzeitig eingeblendet wurden.

Hinter den Kulissen: Das Filmteam und Ulf Brenken, der aufpasste, dass die entsprechenden Untertitelungen rechtzeitig eingeblendet wurden.

Meine Aufgabe bestand während der „Ring“-Musik darin, an passenden Stellen entsprechende Zwischenüberschriften als Einblendungen auf die beiden großen Leinwände zu zaubern. Diese Leinwände hatten sich bereits im Vorjahr bewährt, verschafften sie doch dem Publikum insbesondere jenseits der ersten fünfzehn Reihen einen ausgewählten Blick auf das Orchester. Also saß ich hinter der Bühne in einem geschlossenen Raum und beobachtete durch eine Glasscheibe das Geschehen. Zu Hören gab es dennoch genug, um dem Stück folgen zu können, und bis auf zwei Flüchtigkeitsfehler (- zu früh!) konnte ich die Zuhörerschaft so wahrscheinlich recht hilfreich durch die gut einstündige, pausenlose Musik führen. Vor allem hatte ich mir mit dieser Idee den Wahnsinn erspart, als gefühlt fünftausendster Autor im Programmheft die komplexe Handlung der vier Wagner-Opern zusammenfassen zu müssen. Hätte auch kaum jemand parallel mitlesen mögen.

Großartiger Schlussakkord: Die JPON und Andreas Schüller, Foto: Karlheinz Krämer

Großartiger Schlussakkord: Die JPON und Andreas Schüller, Foto: Karlheinz Krämer

Als der Schlussakkord verklungen war, brach riesengroßer Beifall aus, der dem Jubel aus dem Vorjahr (nach Dmitri Schostakowitschs „Leningrader Sinfonie“) sehr vergleichbar war. Andreas Schüller ließ erst einzelne Solisten feiern und wurde dann auch selbst mit einem gehörigen Getrampel des Orchesters geehrt. Mehrere „Vorhänge“ (wie man in der Oper sagen würde) waren nötig, um das JPON zu einem Zugabestück zu bewegen, aber dann kam es:

Epilogue

Ein leidenschaftlich engagierter Dirigent: Andreas Schüller (Foto: Karlheinz Krämer)

Ein leidenschaftlich engagierter Dirigent: Andreas Schüller (Foto: Karlheinz Krämer)

„You know how it is when someone asks you to ride in a terrific sports car, and then you wish you hadn’t?“ Dieses Originalzitat des amerikanischen Komponisten von John Adams weist auf sein Stück „Short Ride in a Fast Machine“, das er 1986 geschrieben hat. Ein fulminantes, fünfminütiges Orchesterstück, stilistisch an „minimal music“ angelehnt, voller toller Effekte und vor allem – sehr laut. Was für ein Spaß!
Als ich vor dem Konzert Andreas Schüller bat, uns hinter der Bühne die wenigen Kürzungen beim Wagner in der Partitur zu zeigen, was er sehr freundlich und kompetent erledigte, fragte ich ihn anschließend, ob als Zugabestück der Adams zu erwarten wäre. Seine Antwort: Das käme auf das Publikum an. Mein Kommentar: Dann spielen Sie es … Und tatsächlich: Weder in Hamburg-Wellingsbüttel (Mittwoch), noch in Otterndorf (Donnerstag), auch nicht in Hannover (Samstag) wurde dem JPON eine Zugabe abgerungen. In Bunderhee konnten sie dem Jubel diesbezüglich nicht standhalten.
Short Ride in a Fast Machine: Das Abschlusskonzert 2016 war nach fünf Festivaljahren mit seinen etwa 150 Veranstaltungen eigentlich nur wie ein kurzer Ritt auf einem schnellen Gefährt, dass immer noch weiter an Fahrt aufnimmt – den wunderbaren Gezeitenkonzerten in Ostfriesland. Ich wünsche mir, noch lange dabei zu sein. Wir sehen uns spätestens wieder im Juni 2017. Bis dahin: Hören Sie Musik!

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