Sternstunde in Reepsholt

Elisabeth Leonskaja beim Gezeitenkonzert in der St.-Mauritius-Kirche zu Reepsholt, Foto: Karlheinz Krämer

Elisabeth Leonskaja beim Gezeitenkonzert in der St.-Mauritius-Kirche zu Reepsholt, Foto: Karlheinz Krämer

Der Komet zieht weiter. Elisabeth Leonskaja, für manche die bedeutendste Pianistin unserer Zeit, „Löwin der Tasten“, Wahl-Wienerin, Solistin mit Richter, Karajan etc. spielt in Reepsholt. Wo?!

Reepsholt liegt bei Friedeburg, gehört zur Gemeinde Wittmund und immerhin 800 Einwohner. Ich musste auch googlen. Das Island unter den Gezeitenspielorten, denn die Kirche war mit rund 300 Personen rappelvoll. Auch die extrem steile Treppe wurde von allen souverän bewältigt, außer von mir. Aber wer braucht schon Lendenwirbel…

Doch nun zum Wesentlichen. Nach der obligatorischen Begrüßung durch Landschaftspräsident Rico Mecklenburg und den Hausherren, Pastor Neese, betrat Elisabeth Leonskaja durch den langgezogenen Kirchengang die Bühne. Los ging es mit Schuberts f-Moll Sonate und dem eingefügten Adagio in Des-Dur, D 505. Eigentlich ist die  Sonate ohne einen langsamen Satz komponiert worden, doch dieses Adagio scheint dazuzugehören. Weiterlesen

Gezeiten-TV im Gespräch mit Jörg Widmann

Der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann stellte sich kurz vor dem Gezeitenkonzert am Samstag, 13. Juli 2013, zusammen mit dem neophon ensemble in der Kunsthalle Emden, den Fragen von Matthias Adelmund für Gezeiten-TV.

Vorher gab es einige Versuche einer Anmoderation. Diese sehen Sie hier:

Ein Porträt des Künstlers als außergewöhnlicher Mann

Das neophon ensemble beim Gezeitenkonzert mit Jörg Widmann in der Kunsthalle Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Das neophon ensemble beim Gezeitenkonzert mit Jörg Widmann in der Kunsthalle Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Wenn man von etwas keine Ahnung hat, sollte man, frei nach Wittgenstein, eigentlich gepflegt den Schnabel halten. Nun zwingt mein Boss mich aber, einen Blogeintrag zu schreiben. Was soll man machen? Jörg Widmann und das neophon ensemble in der Kunsthalle Emden – das ist für alle, die sich für Neue Musik interessieren, eine ganz hohe Hausnummer. Und so fand sich gestern in der Kunsthalle ein Publikum zusammen, das genau wusste, was sie erwartete. Extra aus Hamburg kamen Gäste in das voll besetzte Konzert, um den berühmten Künstler live zu erleben.

Und damit wären wir dann eigentlich bei Adorno und seinen „Typen musikalischen Verhaltens“. Wenn ich mich nicht täusche, konnte man gestern wirklich von GUTEN Zuhörern sprechen. Was macht gute Zuhörer aus? Dazu Adorno: „Auch er [der Gute Zuhörer] hört übers musikalisch Einzelne hinaus; vollzieht spontan Zusammenhänge, urteilt begründet, nicht bloß nach Prestigekategorien oder geschmacklicher Willkür … Er versteht Musik etwa so, wie man eine Sprache versteht, auch wenn man von der Grammatik und Syntax nichts oder wenig weiß, unbewußt, der immanenten musikalischen Logik mächtig.“

Ich kann hier zwar nur rein äußerliche Kriterien anführen, aber die sind schon überzeugend: Begeisterter Applaus nach jedem Stück; eine konzentrierte und aufmerksame Stimmung, 98 % kamen nach der Pause wieder zurück und am Ende hörte man einige von einem „absolut faszinierendem Abend“ sprechen. Das lag sicherlich auch am neophon ensemble, eine Truppe junger Musiker, die sich neuer Musik verpflichtet haben und dies mit einer imponierenden Leidenschaft verfolgen.

Wie soll man nun die Musik beschreiben, ohne ihr möglicherweise Unrecht zu tun? Muss man Musikwissenschaft studiert haben oder zumindest Adornos „Philosophie der Neuen Musik“ gelesen haben, um sich über diese Musik kennerhaft zu äußern? Oder reicht es aus, einfach von Musik zu sprechen, die „wie ein Sog ist“ (so liest man auf Widmanns Homepage)? Die Frage für mich ist: gibt es überhaupt die Sprache, diese Musik zu beschreiben? Ich werde mich hier gewissenhaft der intellektuellen Verantwortung entziehen und hoffe, dass mein Boss zufrieden ist, wenn ich ganz schlicht (und blöd?) schreibe: „Mit den Ohren denken“ – das trifft auf diesen Abend zu.

Also bleiben wir bei den äußeren Kriterien: Die Kunsthalle war natürlich der perfekte Ort für dieses Künstlerporträt. Widmann spielte selbst seine „Fantasie“ (1993) und bei den übrigen Stücken, die einen Querschnitt durch sein Werk zeigten (1993-2010), spielte das ensemble in wechselnder Besetzung und erntete für seine Interpretationen großen Applaus. Für die jungen Musiker war es sicherlich ein Traum, mit Anfang 20 mit Jörg Widmann spielen zu dürfen. Auch wenn die Anreise für sie nicht so schön war (es gab einen kleinen Unfall mit dem Auto), werden sie sich bestimmt noch lange an diesen Abend erinnern.

Halten wir fest: ein großer Abend, spannend, eklektisch, verwirrend, außergewöhnlich, und ganz sicher wiederholungsbedürftig.

Das neophon ensemble beim Gezeitenkonzert mit Jörg Widmann in der Kunsthalle Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Das neophon ensemble beim Gezeitenkonzert mit Jörg Widmann in der Kunsthalle Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Gezeitenkonzert mit Jörg Widmann und dem Neophon Ensemble

Jörg Widmann, Foto: Marco Borggreve

Jörg Widmann, Foto: Marco Borggreve

Am Freitag haben wir die abschließende Bestätigung der Agentur Harrison Parrott erhalten, dass der komponierende Klarinettist Jörg Widmann zusammen mit dem jungen Neophon Ensemble ein Gezeitenkonzert in der Emder Kunsthalle bestreiten wird. Das wird in diesem Jahr das einzige Gezeitenkonzert mit ausschließlich Neuer Musik, in dem – natürlich – überwiegend Werke von Jörg Widmann selbst, aber auch von Morton Feldmann gespielt werden. Jörg Widmann gibt eine Einführung in seine Werke und spielt seine „Fantasie“ selbst, um dann aber das Feld seinem jungen Rostocker Kollegen zu überlassen.
Stattfinden wird dieses Gezeitenkonzert im Atrium der Kunsthalle Emden am 13. Juli 2013 um 20:00 Uhr. Dem Neophon Ensemble widmet der Gezeitenblog in Kürze einen eigenen Post – auch darüber gibt es genug zu schreiben. Wer sich vorab informieren möchte, kann das auf der Homepage.

Der Musikwissenschaftler und künftige Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern Markus Fein sagt über die Musik des 39-Jährigen: „Wer der Musik Jörg Widmanns zum ersten Mal begegnet, ist von ihrer Unmittelbarkeit und Intensität überrascht. Die Musik stürzt nicht selten wie ein Katarakt auf den Hörer ein, sie ist maßlos in ihrer überschäumenden Virtuosität oder in ihrer unendlichen Traurigkeit.“

Jörg Widmann
Jörg Widmann studierte Klarinette zuerst an der Hochschule für Musik in München bei Gerd Starke, dann bei Charles Neidich an der Juilliard School in New York. Bereits im Alter von elf Jahren nahm der Kompositionsunterricht bei Kay Westermann. Später folgten Studien bei Wilfried Hiller, Hans Werner Henze und bei Heiner Goebbels und Wolfgang Rihm. Seine große Passion als Klarinettist gilt der Kammermusik. Regelmäßig spielt er mit Partnern wie Kim Kashkashian, Gidon Kremer, Tabea Zimmermann und Hélène Grimaud und als Solist in Orchesterkonzerten im In- und Ausland. In diesem Jahr gibt Jörg Widmann gemeinsam mit dem Hagen Quartett mehrere Konzerte in Österreich, der Schweiz und Deutschland. Jörg Widmann arbeitet mit Dirigenten wie Christoph von Dohnányi, David Zinman, Kent Nagano und Christoph Eschenbach zusammen. Sein IV. Streichquartett wurde 2005 vom Vogler Quartett uraufgeführt, die in diesem Jahr Künstler der Gezeitenkonzerte sind. Christian Tetzlaff hob gemeinsam mit der Jungen Deutschen Philharmonie Wiedmanns Violinkonzert aus der Taufe.
Mehrere neue Klarinettenkonzerte wurden ihm gewidmet, darunter Werke von Aribert Reimann, Wolfgang Rihm und Heinz Hollinger. Ende 2012 wurde sein Werk „Teufel Amor“ von den Wiener Philharmonikern uraufgeführt.
Seit 2001 ist Jörg Widmann Professor für Klarinette an der Freiburger Hochschule für Musik. Im Jahr 2009 erhielt er dort eine zusätzliche Professur für Komposition.

Auszeichnungen
Für seine Kompositionen erhielt Jörg Widmann zahlreiche Preise wie z. B. den Schneider-Schott-Musikpreis, den Paul-Hindemith-Preis, den Ehrenpreis der Münchener Opern-Festspiele und den Arnold-Schönberg-Preis, den Claudio-Abbado-Kompositionspreis der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker sowie den Kompositionspreis des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg.
Am Wochenende wurde bekannt gegeben, dass Jörg Widmann am 23. März bei der Langen Nacht der Kammermusik den neuen Musikpreis des Heidelberger Frühling verliehen bekommt. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis würdigt „Kulturschaffende, die sich authentisch, substanziell und nachhaltig für die Vermittlung von klassischer Musik einsetzen“.

Composer und Artist in Residence
Als Composer resp. Artist in Residence war Jörg Widmann zu Gast beim Deutschen Sinfonie-Orchester Berlin, beim Lucerne Festival, den Salzburger Festspielen, der Kölner Philharmonie und dem Wiener Konzerthaus sowie beim Cleveland Orchestra.

Jörg Widmann, Foto: Marco Borggreve

Jörg Widmann, Foto: Marco Borggreve