Im Zentrum die Musik

Maria João Pires und Lilit Grigoryan beim Gezeitenkonzert in der Neuen Kirche Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Maria João Pires und Lilit Grigoryan beim Gezeitenkonzert in der Neuen Kirche Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Es ist die Musik, nicht der Interpret, der im Vordergrund stehen soll. Das klingt ein wenig idealistisch, aber auch sehr bescheiden, denn erst der Interpret kann doch die Musik zum Leben erwecken. Es geht also um die Musik, die es zu verstehen, zu präsentieren, zu leben gilt. Maria João Pires (71), eine der berühmtesten Pianistinnen unseres kleinen Planeten, stellt sich in den Dienst der Musik. Und damit gegen alles und jeden, der Musik zweckentfremden, vermarkten oder zur Selbstinszenierung nutzen will. Mit der Musikindustrie will sie nichts mehr zu tun haben. Der sicherlich hochdotierte Plattenvertrag ist gekündigt, die Konzerte werden seltener, doch die Begeisterung und die Demut vor der Großartigsten aller Künste ist geblieben. Der Besuch des Gezeitenkonzertes in der Neuen Kirche Emden mit Lilit Grigoryan und Maria João Pires war daher ein Pflichttermin. Weiterlesen

Was für ein Konzert

Dramatische Vorgeschichte

Endlich angekommen: Anna Vinnitskaya beim Einspielen, Foto: Karlheinz Krämer

Endlich angekommen: Anna Vinnitskaya beim Einspielen, Foto: Karlheinz Krämer

Am Samstag sollte ja nun kurzfristig die 32-jährige Pianistin Anna Vinnitskaya für die erkrankte Maria João Pires einspringen. Alles war vorbereitet, der NDR baute ab mittags in der Neuen Kirche auf. Morgens war klar, Anna kommt mit ihrem Mann mit dem Auto aus Hamburg. Nachmittags erreichte uns ein Anruf: Das Auto hatte eine Panne und konnte mit der defekten Lichtmaschine nicht weiterfahren. Weiterlesen

Atemlos

Florian Donderer, Matthias Kirschnereit und Tanja Tetzlaff beim Gezeitenkonzert in der Neuen Kirche Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Florian Donderer, Matthias Kirschnereit und Tanja Tetzlaff beim Gezeitenkonzert in der Neuen Kirche Emden, Foto: Karlheinz Krämer

In einem Anfall von spontaner Verzweiflung über die ewig dahinsiechende Zeit und das Vergängliche allen Seins, diesen Scheiß des Daseins, dachte ich, dass dieser Stumpfsinn nur mit der Schönsten aller sogenannten Künste zu bekämpfen sei, der MUSIK, und ging ins Gezeitenkonzert, um vor der allgegenwärtigen Dummheit und Helene Fischer zu fliehen, und hörte mir Kammermusik an; Dvorák, Smetana, Janácek, Kodály, die Auswahl programmierte vorab eine Reise in den Osten, der so unendlich weit weg war, und als Florian Donderer, der große Konzertmeister der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, molto esspressivo das heftig schöne Thema aus dem ersten Satz der romantischen Stücke op. 75 spielte, war es zum Dahinschmelzen, jawohl, zum Dahinschmelzen, das sei an dieser Stelle auch allen David Garrett Fans gesagt, das echte Dahinschmelzen funktioniert nur mit überzeugend dargebotener Musik, und was Florian Donderer aus diesen so schlicht volkstümlich böhmischen Melodien machte, war fern alles Platten; als Beweis reichten die letzten zwei Takte des Larghetto, das die seufzend schöne slawische Romantik im kaum hörbaren „d“ in ppp beschließt, und wie Kirschnereit und Donderer allein nur die Dimensionen dieser letzten beiden Takte im maximalen Piano ausloteten,

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