Nachklapp zum Konzert in Emden

Anna Reszniak und Lars Vogt beim Gezeitenkonzert in der Neuen Kirche Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Anna Reszniak und Lars Vogt beim Gezeitenkonzert in der Neuen Kirche Emden, Foto: Karlheinz Krämer

Besser spät als nie, deshalb jetzt noch ein kleiner Nachklapp zum Konzert des vergangenen Sonntags, was hier nicht ungewürdigt bleiben darf. Die Gezeitenkonzerte waren in Emden in der Neuen Kirche zu Gast. Bereits beim Aufbau gab es Probleme, da wir mit einem „Orkan“ zu kämpfen hatten. Nachdem wir Tische und Stühle und – am schlimmsten – das große Zelt errichtet hatten, wehte uns die gesamte Auslage ständig vom Tisch und verstreute sich über den ganzen Friedhof. Es gibt deutlich schönere Orte zum Aufräumen. Deswegen verpasste ich auch ärgerlicherweise das Klavier-Solo von Lars Vogt. Die Schubert-Impromptus hörten sich aber auch durch die Kirchenmauern noch sehr schön an. Danach hatten wir alles wieder eingefangen, und ich konnte mich auch in die Kirche setzen.

Anna Reszniak, Foto: Karlheinz Krämer

Anna Reszniak, Foto: Karlheinz Krämer

Anna Reszniak betrat alleine die Bühne und begann mit der d-Moll-Sonate von Ysaÿe. Das 1923 entstandene Werk lotet die Grenzen der Tonalität sehr weit aus und ist für Amateure wie mich unspielbar. Falls es doch einer kann, möge er sich bitte bei mir melden. Das Werk besteht vor allem aus Doppelgriffen. Da die Geige im Gegensatz zum Klavier rein gestimmt ist, hat man die Möglichkeit, komplett sauber zu spielen. Entsprechend hört es auch jeder, wenn es schief ist. Bei dem kleinen Griffbrett redet man über Millimeter, eine technische Meisterleistung, die mit großem Applaus belohnt wurde, auch wenn diese Musik nicht jedermanns Sache ist. Somit hatten beide ihr Solo bravourös gemeistert und traten zum ersten Mal als Duo auf. Geboten wurde Ravels Sonate für Violine und Klavier, die ab 1923 binnen vier Jahren entstand. Das Duo präsentierte sich perfekt aufeinander abgestimmt. Vor allem der zweite Satz, ein Blues, konnte mich überzeugen, bevor die beiden dann in einem perpetuum mobile wieder die Funken fliegen ließen. Ravel gefällt mir im Laufe des Festivals immer besser, denn bereits in Gristede konnten wir mehrere Darbietungen dieses wunderbaren Komponisten genießen, der stilübergreifend arbeitet. Gerne mehr davon!

Anna Reszniak und Lars Vogt, Foto: Karlheinz Krämer

Anna Reszniak und Lars Vogt, Foto: Karlheinz Krämer

In der anschließenden Pause, für mich kam sie ja sehr schnell, konnten die Besucher Getränke und kleine Häppchen bei bestem Wetter am Roten Siel genießen. Auch der Wind hatte auf einmal nachgelassen, dafür war er dann beim Abbau mit Verstärkung wieder da. Doch nach der Pause kam das, worauf insgeheim alle gewartet haben: Die Kreutzer-Sonate von Beethoven. An den ersten Satz habe ich mich auch schon mal getraut, natürlich nicht auf der Bühne. Gerade das Zusammenspiel zwischen dem Pianisten ist hier äußerst fallenreich. Laut Beethovens eigenen Angaben entspricht sie in etwa dem Niveau eines Violinkonzerts, von dem er nur eins schrieb. Zu seinen Mitmenschen war Beethoven wohl nicht immer so humanistisch wie in seiner Musik, denn laut Überlieferung soll der bedeutendste Geiger seiner Zeit, ein Herr Clement, vor ihm weinend zusammengebrochen sein, weil er es nicht spielen konnte. Beethoven habe daraufhin ausgerufen: „Was schert mich deine dämliche Fidel?!“ Historisch verbürgt ist diese Geschichte natürlich nicht, aber irgendwie glaube ich dran. Jemand, der nichts hört, nimmt wohl auch nicht immer auf die Spielbarkeit Rücksicht.

Anhand dieser Geschichte kann man sich denken, welche Aufgabe heute Abend auf Anna Reszniak wartete. Sie meisterte diese Herausforderung mit Bravour. Die Sonate war schnell und feurig im Presto und ausdrucksstark im Andante. Auch körperlich ist diese Sonate, die mit allen Wiederholungen immerhin über 40 Minuten dauert, eine große Belastung. Daher Hut ab! Das Publikum goutierte den Auftritt mit Standing Ovations und wurde mit einer Zugabe von Dvorák belohnt. Die Sonatine (kleine Sonate) schickte uns alle mit schönen romantischen Klängen in den Abend.