Grigory Sokolov verzaubert mit Haydn und Schubert

Grigory Sokolov

Sokolov in der Musik, Foto: Karlheinz Krämer

Beim 20. Gezeitenkonzert 2018 am vergangenen Dienstag durften wir Grigory Sokolov im Theater an der Blinke zum wiederholten Male begrüßen. Mit vielen anderen Zuschauern freute ich mich sehr auf diesen Konzertabend. Vielleicht, weil Sokolov ein so großer Name in der Musikerwelt ist und die sehr hohen Ansprüche des Pianisten bekannt sind, kursierten die Gerüchte, dass das Konzert schon seit Monaten ausverkauft sei bzw. ausfallen müsse, weil es ihm zu warm sei. Jedoch stimmten beide Munkeleien natürlich nicht. Als das Konzert begann, war der Saal sehr gut gefüllt und dass der ein oder andere Platz im Rang freigeblieben ist, kam vielleicht auch der Temperatur des Saals zugute und war eben jener geschuldet. Weil es Grigory Sokolov bei seinem Solorezital stört, mussten wir nämlich die Klimaanlage (bzw. Umwälz-Anlage) ausstellen. So erinnerte mich die Stimmung mit der Temperatur, der Stille und einem recht gedimmten Licht (obwohl es nach Sokolovs Meinung noch dunkler hätte sein müssen), ein wenig an meinen letzten Besuch der Bayreuther Festspiele. Solche Konzertbegebenheiten ziehen natürlich auch ein Publikum an, welches sich mit solchen kleinen Unannehmlichkeiten arrangieren und sich auf lange Anfahrtswege begeben, um den vielleicht größten Musiker unserer Zeit zu hören.

Obwohl Sokolov schon in Kiel auf dem selben Flügel gespielt hat und er schon am Morgen vier Stunden im Saal geübt hat, war er bis zum Einlass um 19:30 Uhr am Klavier und ließ erst danach unseren Stimmer nochmal alles kontrollieren. So musste unser Publikum zehn Minuten länger als sonst in der brühenden Hitze auf den Einlass warten. Doch pünktlich um 20:00 Uhr waren dennoch alle im Saal, der noch deutlich kühler war, als die Außentemperatur und so konnte der Konzertabend beginnen.

Das Konzert

Grigory Sokolov

Grigory Sokolov, Foto: Karlheinz Krämer

Die erste Programmhälfte war dem klassischen Komponisten Joseph Haydn gewidmet – drei Sonaten für Klavier in Moll.
Mir fiel es lange schwer, die Musik der Klassikepoche wirklich wertzuschätzen. Mit der Zeit lernte ich Beethoven und Mozart besser kennen, aber Haydn fand ich immer etwas langweilig. Doch der Klavierabend am vergangenen Dienstag, zeigte mir, dass auch Haydn, wenn er gut gespielt ist, wirklich großartig klingen kann.
Ohne Zwischenapplaus spielte Sokolov die erste Konzerthälfte. Getrennt waren die Sonaten nur durch kurze Atempause und gingen sonst ineinander über. Jeder einzelne Ton war mit Bedacht angeschlagen und entwickelte sich im Raum zu einem runden, vollen Klang. Das Zusammenspiel der Klänge ließ einen Klangteppich entstehen, wo jeder Ton akkurat gesetzt war. Egal wie viele Töne und Stimmen gleichzeitig gespielt wurden, war es ein durchsichtiges Klanggerüst, wo jede Stimme hörbar war. Noch deutlicher hörte man die verschiedenen Stimmen bei den vier Impromtus, die Sokolov im zweiten Konzertteil spielte.

Mir kommen, wenn ich Sokolov spielen höre, immer so viele Bilder und Metaphern in den Sinn, die diese Musik beschreiben und doch wird es niemals Worte geben, die dem Gehörten auch nur im Ansatz gerecht werden könnten. Es sind musikalische Momente, die sich in die Seele einbrennen und jeden berühren, der sich dem öffnet. Wie Sokolov die Werke interpretiert, klingt es richtig. Jeder Note wird Beachtung geschenkt und von Sokolov geformt. Jede Note, jeder Klang erklingt genau so, wie er zu sein scheint.
Ich habe im Anschluss des Konzertes mit Raoul Schmidt darüber geredet. Wir stellten uns die Frage, wie sich das Jahresprogramm von Sokolov wohl im Laufe seiner Konzerttournee entwickelt. Dadurch, dass er ja wirklich nur dieses von uns gehörte Programm fast jeden Abend in einem anderen Konzertsaal aufführt, kann es vermutlich erst zu dieser außergewöhnlichen Perfektion und Internalisierung der Stücke kommen. Das bedeutet wiederum auch, dass sich die Stücke natürlich auch über das Jahr hinweg noch weiter entwickeln. Wird das wohl ein großer Unterschied sein? Vielleicht werde ich es irgendwann mal herausfinden können.

Nachdem der letzte Ton erklungen war, stand der Pianist auf, verbeugte sich schnell und huschte von der der Bühne. Ich hielt mich bereit. Wenn er das nächste Mal auf die Bühne kommt, muss ich ihm den Tee übergeben. Die Zuschauer klatschten und nach kurzer Zeit erschien Herr Sokolov wieder auf der Bühne. Ich rannte förmliche die Treppe hoch und stratzte Richtung Klavier… doch ich war zu langsam und wurde nicht bemerkt. Was nun? Ich lief ihm hinterher und wartete am anderen Ende der Bühne und schaffte es im zweiten Anlauf, mein Tee-Präsent von Thiele loszuwerden. Eine weitere Verbeugung und er ging ab. Danach begann der Zugabenmarathon, wie wir es von ihm gewohnt sind. Zu sechs Zugaben ließ sich Sokolov hinreißen. Wir konnten sogar herausfinden, um welche Stücke es sich handelt:

  1. Schubert: Impromtu op. 90 Nr. 4
  2. Rameau: Le Rappel des oeseaux
  3. Schubert: Ungarische Melodie D817
  4. Chopin: Prélude op. 28 Nr. 15 (Regentropfenprélude)
  5. Scriabin: Prélude op. 11 Nr. 4
  6. Debussy: Prélude „Des pas sur la neige“
Grigory Sokolov

Begeisterter Applaus für Grigory Sokolov, Foto – Karlheinz Krämer

Die Zugaben waren quasi ein dritter Konzertteil, der nochmal so lange dauerte, wie die offizielle zweite Programmhälfte. Um 23:00 Uhr waren dann der Musiker und das Publikum musikgesättigt und wir alle machten uns auf den Weg nach Hause, wo der Abend noch weiter in uns nachklingen konnte.