Ich tanz mich in dein Herz hinein

Nils Mönkemeyer, Foto: Karlheinz Krämer

Nils Mönkemeyer, Foto: Karlheinz Krämer

Ertönt in einer Kirche eine der Violoncello-Suiten von Johann Sebastian Bach, geht der Blick automatisch nach oben ins unendliche Firmament. Diese sakral-schöne, formvollendete, strenge, aber immer einladende Musik hält wie ein Gebet die Zeit an.
Was hätte der alte Meister, der da oben vermutlich auf seinem Orgelbänkchen sitzt und den Engelchor mit neuen Chorälen versorgt, zu Nils Mönkemeyer gesagt? Mönkemeyer, der spät von der Geige zur Bratsche wechselte, spielt dieses Werk auf eben diesem Instrument. Eine Frechheit? Nein, eine Liebeserklärung. Mönkemeyer ist Bach verfallen. Das zeigen seine CD-Einspielungen, seine Interviews, seine Fernsehauftritte. Warum also nicht die berühmtesten Bach-Stücke auf dem Instrument spielen, das es immer noch so schwer hat neben Geige und Cello?
Ein Blick von Mönkemeyer ins Publikum reicht und es ist so still, dass selbst die Reepsholter Kirchenmaus Twitter und Facebook mal ausschaltet und sich konzentriert.


Die Suite Nr. 1 G-Dur BWV 1007 steht also auf dem Programm. Man kann dieses Stück nun im Vergleich zur Cello-Ausführung hören und es fällt auf: Auf der Bratsche wird es schroffer, direkter, zerbrechlich. Mönkemeyer will keinen schönen Klang erzeugen, sagt er, und meint damit einen glattpolierten Bach. Die Suite wird von ihm anders zum Leben erweckt. Dabei kommt die eine oder andere Ecke zu Tage, die er brillant umsetzt. Gesanglichkeit und die tänzerische Bewegung sind seine Fixpunkte. Die wilde Gigue beschließt die Suite dann auch mit einer Aufforderung zum Tanze. Da fällt alle bedeutungsschwere Formstrenge ab und Bach macht plötzlich körperlich Spaß.

Tänzerisch geht es weiter. Gemeinsam mit William Youn wird Mozarts Frühwerk abgesteckt. Wobei Frühwerk eigentlich das falsche Wort ist für jemanden, der schon mit fünf Jahren die Welt zu einer anderen gemacht hat. Natürlich merkt man auch ein wenig, dass mit den Sonaten für Klavier und Violine (hier Bratsche) KV 30 und 14 nicht die ausgereiftesten Mozartwerke vorliegen. Aber Youns perlender Anschlag verbreitet klassisches Mozart-Feeling. KV 30 ist noch sehr zart und wehmütig. In KV 14 perlen dann aber die schnellen Noten und Melodien nur so runter, immer etwas frech, damit ja der Spaß flöten geht.

Wem der erste Teil in Reepsholt dennoch etwas zu verhalten war, der machte nach der Pause große Augen. Das Erstaunen hat einen Namen: Rebecca Clarke. Schroff und impetuoso (heftig) setzt die Bratsche an und entführt uns in wilde Landschaften, bei denen ich sofort an Hochmoor und spätromantische Szenerie mit Sturmhöhe und Brontë-Romanen denken musste. Clarke war eine britische Komponistin (1886-1979) mit einem kleinen Werk, das aber jetzt sofort durchgehört werden muss. In der Sonate a-Moll für Viola und Klavier aus dem Jahr 1919 verbindet sie Volksmusik-Motive (britische, irische oder schottische?!) mit spätromantischen Zügen und impressionistischen Klangwelten im Stil von Debussy. Sie bedient sich also bei vielen Quellen, macht das aber so spannend und dramaturgisch überzeugend, dass man nicht genug bekommt – was natürlich auch in erster Linie mit dem fesselnden Spiel von Mönkemeyer und Youn zu tun hatte.
Von der komplexesten Musik von Bach zum zarten, melodiereichen Mozart in der ersten Hälfte, bis zu den windigen Landschaften von Rebecca Clarke war das Spektrum weit gespannt. Standing Ovation als wohlverdienter Abschluss, und so verabschiedeten sich Mönkemeyer und Youn mit einer Komposition von De Falla (wenn ich mich nicht täusche…). Ein tolles Konzert. Wie gut, dass man bald alles nochmal beim Deutschlandfunk hören kann.

Nils Mönkemeyer und William Youn beim Gezeitenkonzert in der St.-Mauritius-Kirche zu Reepsholt, Foto: Karlheinz Krämer

Nils Mönkemeyer und William Youn beim Gezeitenkonzert in der St.-Mauritius-Kirche zu Reepsholt, Foto: Karlheinz Krämer