Romantische Raritäten in Remels

Nils Mönkemeyer und William Youn in Remels

Nils Mönkemeyer und William Youn beim Gezeitenkonzert in Remels, Foto: Karlheinz Krämer

Nils Mönkemeyer und William Youn beim Gezeitenkonzert in Remels, Foto: Karlheinz Krämer

Wenn mir an einer roten Ampel langweilig ist, zappe ich gerne mal durchs Radio. Heute morgen blieb ich aus Versehen bei einem Schlagersänger hängen: „Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt“ schmetterte Barry Ryan in meine müden Ohren. Beim Blick in den PC wurde bewusst, wie recht er doch hat: Das nächste Konzert ist schon die Nummer 30 in Dangast, sogar Nils Mönkemeyer und Daniel Hope waren schon da. Dieses Jahr nehmen die Gezeitenkonzerte einen tollen Endspurt, alle noch kommenden Konzerte sind ausverkauft. So auch das vergangene am Sonntag mit Nils Mönkemeyer und William Youn.

Uns erwartete ein reines Schumann-Brahms-Programm für den frühen Abend. Los ging es mit Schumanns Phantasiestücken für Klarinette und Klavier, heute in der Viola-Fassung. Schumann war dabei in seiner Instrumentation völlig wahllos, es gibt auch eine Geigen- und Cellovariante. Auch die herkömmlichen Satzbezeichnungen schienen dem Romantiker nicht mehr auszureichen: „Zart und mit Ausdruck – Lebhaft leicht – Rasch und mit Feuer“. Klare Ansagen für unser Duo. Die beiden spielten mit viel Leidenschaft und gut aufeinander abgestimmt, auch ohne sich anzusehen. Zwischenzeitlich hatte ich den Eindruck, dass die Bratsche dahinschmelzen könnte, so trieft diese Musik. Auch der Presto-Teil endet romantisch-verklärt. Ganz hinten klang das Klavier ein wenig verschwommen, die Klänge waren nicht immer auseinanderzuhalten.

Trotzdem können die beiden auch anders, was sie mit den folgenden ungarischen Tänzen bewiesen. Die anspruchsvollen Bearbeitungen verlangten Nils Mönkemeyer einiges ab und sind trotz ihrer Kürze sehr kräftezehrend, da es kaum langsame Stellen gibt, an denen man sich mal ein bisschen ausruhen kann. Brahms selbst sei es gar nicht leichtgefallen, sie niederzuschreiben. Die Notenschrift engt tatsächlich ein wenig ein, darum gibt es auch so viele unterschiedliche Interpretationen.

Nils Mönkemeyer und William Youn, Foto: Karlheinz Krämer

Nils Mönkemeyer und William Youn, Foto: Karlheinz Krämer

Nils Mönkemeyer hat sich kein leichtes Leben gemacht: Nach diesen zwei anstrengenden Stücke, die er alle auswendig vortrug, folgte noch eine ganze Brahms-Sonate, die länger ist als ihre Vorgänger zusammen. Die f-Moll Sonate ist ein spätes Werk des großen deutschen Komponisten und erinnert vor allem in ihrem Hauptsatz an seine vierte Symphonie. Ein wunderschöner Klang und in jedem Satz nahm die Sonate Wendungen, die ich nicht unbedingt erwartet habe. So ganz verständlich war nicht alles für mich, vielleicht lag es an der Müdigkeit, vielleicht an den vielen Konzerten zuvor. Ich staune über alle, die es schaffen, jedes Gezeitenkonzert zu besuchen. Mir wäre das zu viel Input auf einmal. Ein zweites Anhören dieser Sonate aus der Konserve lohnt sich auf jeden Fall! Bedacht wurde sie mit viel Applaus vom Publikum, bevor es in die Pause ging. Mein Fazit der ersten Hälfte: Die Künstler waren toll, aber im Programm hätte ich mir etwas mehr Abwechslung gewünscht. Nach zwei Tagen Bach-Pur und der vollen Gegendosis vom Sonntag sehnt man sich ins Volkswagenwerk.

Etwas Auflockerung kam nach der Pause: Auszüge aus der FAE-Sonate. FAE steht für das Credo ihres Widmungsträgers, dem berühmten Geiger Joseph Joachim: Frei, aber einsam. Die Sonate war ein spontanes Geschenk der drei Komponisten Schumann, Brahms und Dietrich an ihren Freund. Dieser musste erraten, von wem welcher Satz komponiert wurde. Es war mehr als eindeutig, das schaffte ich sogar, ohne ins Programmheft zu sehen. Nach diesem kurzen Einstieg folgte eine Solo-Darbietung des genialen Pianisten William Youn, der unter Beweis stellte, dass er nicht nur ein vorzüglicher Begleiter ist. Als die beiden Brahms-Balladen verklungen waren, entstand ein magischer Moment in der Kirche: Stille. Kurz die Musik auf sich wirken lassen. Ich kann es jedem nur empfehlen. Viele Künstler wissen selbst, dass sie toll sind. Es muss nicht immer sofort geklatscht werden, so nimmt man sich selbst und allen anderen einen der schönsten Momente eines Konzerts. Sehr empfehlenswert dazu sind die literarischen Ausführungen dazu von Daniel Hope.

Den fulminante Abschluss eines musikalisch sehr intensiven Abends, der mir in der zweiten Hälfte nochmal deutlich besser gefiel, bildete eine weitere Brahms-Sonate. Diesmal ein wenig einfacher zu verstehen, Brahms ist sowieso einer meiner Lieblingskomponisten. Übrigens ist er auf den Tag genau 100 Jahre vor meiner Geburt gestorben. Zufall? Ich glaube kaum. Die beiden zeigten noch einmal ihr gesamtes Können und belohnten das begeisterte Publikum mit anderthalb Zugaben (Guten Abend, gute Nacht rechne ich mal als Rausschmeißer). Vielleicht lerne ich ja doch nochmal Bratsche.